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U-Carmen

U-Carmen e Khayelitsha. ZA 2005. R,B: Mark Dornford-May. B,D: Pauline Malefane. B: Charles Hazlewood, Andiswa Kedama. K: Giulio Biccari. S: Ronelle Loots. M: Georges Bizet. P: Dimpho Di Kopane, Speir. D: Andile Tshoni, Zweilungile Sidloyi, Andiswa Kedama, Bulelwa Cosa u.a.
126 Min. MFA ab 22.12.05

Die ewige Zigeunerin

Von Ekaterina Vassilieva-Ostrovskaja »Carmen« war schon immer eine Geschichte der lustvollen Grenzüberschreitungen, wovon auch die Musik von George Bizet ein Zeugnis ablegt. Die Oper, die scheinbar ein unverwechselbares spanisches Kolorit aufweist, steht dennoch musikalisch hauptsächlich in der französischen Tradition. Dabei geht die wohl bekannteste aller »Carmen«-Melodien, die Habanera, auf ein kubanisches Volkslied zurück, und viele andere markante Motive sind Entlehnungen aus älteren Opern, die ursprünglich keine Affinität zu Spanien hatten. Der Reiz des Werks besteht nicht zuletzt darin, daß es den Zuschauer das Fremde im Eigenen und auch umgekehrt – das Eigene im Fremden – erkennen läßt.

Auf der Ebene der Handlung wird dieses Prinzip noch deutlicher: Carmen ist eine Fremde, die eigensinnig und unangepaßt durchs Leben geht und sogar für ihren Lover ein unlösbares Rätsel bildet. Selbst im »exotischen« Spanien ist sie keine Einheimische, sondern Zigeunerin, was noch eine weitere Steigerung an »Andersartigkeit« bedeutet. Doch auch der disziplinierte, phlegmatische Sergeant Don Jose, der auf den ersten Blick am wenigsten mit dem bunten Treiben der folkloristischen Menge zu tun hat, wird durch sie zur Leidenschaft verführt, die ihn sich selbst entfremdet, aber gleichzeitig die bisher ungekannten Abgründe der eigenen Seele erfahren läßt. Die Energetik des Stückes wird schließlich an den Zuschauer übertragen, der sich durch die sinnliche Musik zur höchsten Empathie mitreißen läßt und fast gegen seinen Willen die Geschichte so erlebt, als wäre sie seine eigene.

Mark Dornford-May bringt in seiner Verfilmung das in der Oper angelegte Spiel zwischen dem Fremden und Vertrauten perfekt zum Ausdruck, indem er die Handlung in ein südafrikanisches Township verlegt. Das, was wir sehen, ist zwar die Gegenwart, aber eine spürbar »andere« Gegenwart, als die, die wir aus täglicher Erfahrung kennen. Der Film braucht dafür nicht einmal ethnisch betonte Kostüme oder Utensilien, um die besondere Atmosphäre seines Schauplatzes spürbar zu machen. Denn Townships sind ein trauriges Erbe des Apartheid-Regimes, als man die schwarze Bevölkerung in gesonderten, von der »weißen« Welt abgeschirmten Siedlungen unterzubringen versuchte. Chaotische Bebauung, Armut und mangelhafte Versorgung zeichnen diese Gegenden bis heute aus.

Aber U-Carmen würde keine »Carmen« sein, wenn sie – sei es auch auf Kosten der vordergründigen sozialen Kritik – daraus keinen Lustgewinn erzielen könnte. Die ungeordnete Infrastruktur der Siedlungen scheint die verhängnisvollen Gefühlsausbrüche ideal zu reflektieren, wenn nicht gar zu motivieren, und eine Existenz, die auf ein Minimum an Habgütern reduziert ist, zeigt sich zugleich als dynamischer und beweglicher. Beweglich ist hier unter anderem durchaus auch wörtlich gemeint. Denn die Darsteller, die alle der südafrikanischen Gesangskompanie Dimpho Di Kopane angehören, bewegen sich mit einer selbstverständlichen Grazie, die nur selten in konventionellen Opernaufführungen zu erleben ist, wodurch die Tanzeinlagen im Film nie aufgesetzt wirken oder zu einer bloßen Beilage der Arien verkommen. Die vollkommene Harmonie zwischen Gesang und Performance macht die eigentliche Sensation von U-Carmen aus.

Die Tatsache, daß der Operntext nicht im französischen Original gesungen, sondern in Xhosa, eine der Landessprachen Südafrikas, übersetzt wurde, trägt zum natürlichen Eindruck bei, den die Inszenierung erweckt, genauso wie die Entscheidung, die dosierten »Zuschüsse« aus traditioneller afrikanischer Musik in den Soundtrack zu integrieren. Darin äußert sich schon der weitgehende Verzicht auf den konservierenden, musealen Umgang mit der Vorlage, und zwar auf allen Ebenen. Denn der Film bietet tatsächlich viel mehr als nur eine sorgfältige Übertragung des bekannten Sujets in einen modernisierten Kontext. U-Carmen will uns eine eigene Geschichte erzählen, die sich zu der ursprünglichen »Carmen« etwa wie eine gleichberechtigte Variante eines und desselben Ur-Mythos verhält. 1970-01-01 01:00
© 2012, Schnitt Online

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