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Tykho Moon

F/D 1996. R: Enki Bilal. D: Johan Leysen, Michel Piccoli, Richard Bohringer, Julie Delpy, Jean-Louis Trintignant u.a.
NIL ab 24.10.96
Von Daniel Hermsdorf Das Leben ist ein riskantes Geschicklichkeitsspiel, Bedürfnisse sind ein Groschengrab, die Topographie ist ein Rätsel und die Erde so unbewohnbar wie der Mond. Und Tykho Moon (Johan Leysen) ist ein Künstler – nichts erscheint seinen Zeitgenossen nutzloser. Nutzen soll er lediglich dem Diktator Bakby (Michel Piccoli) bringen, dessen Familie der amerikanische Killer Labarr (Richard Bohringer) dezimiert.

Die Bakbys leiden an einer Krankheit, der der große Bakby durch Organerneuerung und 170jährigen Gefrierschlaf entfliehen will. Tykho Moon, vormals Widerstandskämpfer, hat Bakby bereits zuvor einmal zwangsweise als Zellspender gedient und dabei sein Gedächtnis verloren. Die Amnesie ist für Moon kein Verhängnis. Die Vergangenheit, sagt er, ist ein Krebsgeschwür, und auch seine Skulpturen zerstört er – wie Alberto Giacometti – nach ihrer Vollendung, die keine ist.

Von Enki Bilals Comics ist der Weg zu Tykho Moon nicht weit. Die graugetönte Palette, die gefurchten Wangen, die rostigen Relikte der Endzeitindustrie sind ebenfalls optische Vokabeln seines ersten Films. Auch die Verfremdung von Stadtbildern in Bilals Comics findet sich in der absurden Anhäufung von Invalidendom, Sacré Cœur, Grande Arche und eines Eiffelturmwracks wieder. Hier wie anderswo übertreibt Bilal nicht die Nähe zur Comicform, und er verschwendet nicht die Effekte des neuen Mediums: pointierte Kadrierung mit überraschenden Perspektiven, eine sparsame und dennoch eindrückliche Tonspur – das melancholische, fremdartige Chanson »The Sun« von Brigitte Bardot und der Herzschlag eines blauen Leguans.

Seine Krankheit, sagt der Diktator Bakby, sei Ausdruck seiner Ideologie: Die weißen Blutkörperchen fressen die roten, und schließlich färbt das Blut sich blau. Eine Prostituierte (Julie Delpy) vereinigt diese Trikolore in sich: ihre weiße Haut, rote Lippen und Perücke, blaue Äderchen unter dem Auge, in die Tykho Moon sich verliebt. Sie ist das ungeteilte Ideal in einem Fake-Paris, das eine Mauer durchtrennt. Tykho Moon ist ein Film der Brüche, seine Dialoge sind eine Geheimschrift, sein Ort ist ein schwarzer U-Topos, seine Zeit eine Zuspitzung, seine Botschaft eine Frage. Ein Blick auf den Mond und umgekehrt. 1970-01-01 01:00

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #04.
© 2012, Schnitt Online

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