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Tuyas Hochzeit

Tuya de hun shi. ROC 2006. R,S: Quan'an Wang. B: Wei Lu. K: Lutz Reitemeier. P: China Film Group Corp. D: Nan Yu u.a.
96 Min. Arsenal ab 23.8.07

Eine Frau für alle Felle

Von Sebastian Gosmann Eine Schafherde teilt sich und umschließt die am Boden der mongolischen Steppe liegende Maschine eines verunfallten Motorradfahrers. Auf dem Rücken ihres Trampeltiers befördert die Hirtin den Fremden zwecks Umsorgung in die heimische Stube. Unwillkürlich wähnt sich der Zuschauer auf vertrautem erzählerischen Terrain.

Als des Bikers Identität hingegen wenig später gelüftet wird, kommt kurzzeitig fast so etwas wie Enttäuschung auf, handelt es sich bei dem Unglücksraben doch keineswegs um den geheimnisvollen Fremden aus der fernen Stadt, der einzig gekommen ist, um eine zerwürfnisreiche Liebesgeschichte im Spannungsfeld zweier miteinander unvereinbarer Lebensentwürfe in Gang zu setzen.

Stattdessen bekommen wir Tuyas ebenso naiven wie ungeschickten Nachbarn Shenge vorgesetzt, der, ehe er das Höllengefährt bestieg, beschlossen hatte, seine Eheprobleme ausgiebig mit Freund Alkohol zu bequatschen. Tuyas Hochzeit geht also einen ganz anderen Weg, und das ist gut so.

Seit ihr Mann Batoer beim Bau des familieneigenen Brunnens folgenschwer verunglückte, liegt das Wohl ihrer Liebsten allein in Tuyas Händen. Die Zeit drängt. Die nächste – kilometerweit entfernte – Wasserstelle droht zu versiegen, und ihr fehlt es an Kraft, den Bau auf eigene Faust zu vollenden. Zudem steht der hundsgemeine mongolische Winter vor der Tür. Die widrigen Lebensumstände ringen Batoer und Tuya ein außergewöhnliches Maß an Tapferkeit ab. Während sie sich, ohne jegliches Anzeichen von Verbitterung, ihrem Schicksal fügt, reift in ihm die Überzeugung, Frau und Kinder ziehen lassen zu müssen, in die Hände eines anderen – gesunden – Mannes.

Mit Tuya bringt Regisseur Quan'an womöglich eine der stärksten Frauenfiguren seit langem auf die Leinwand. In ihrer Standhaftigkeit zu bekräftigen scheint sie jedoch weniger der Gedanke daran, mit dem Fortzug ihren Mann zurücklassen zu müssen. Vielmehr geht es ihr darum, eines unter keinen Umständen aufzugeben: die Einheit der Familie. So ist Tuyas Hochzeit vor allem zu verstehen als Plädoyer für den familiären Zusammenhalt, für den Familienverbund als höchstes gesellschaftliches Gut. So kann das in Aussicht stehende, ungleich komfortablere Leben als Gattin des reichen Baolier für sie keine Option darstellen.

Allein von Tuyas Charakterfestigkeit geht eine derartige Faszination aus, daß der freie Blick auf ihre äußere Schönheit zunehmend an Bedeutung verliert. Dieser wird uns nämlich konsequent verwehrt, indem die auffallend attraktive Hauptdarstellerin Nan Yu fast ausnahmslos in zentimeterdicker Fellkleidung zu sehen ist. Selbst als sie in den Spiegel blickt und kurzzeitig die Hoffnung aufkommt, sie würde ihr Haar enthüllen, zupft sie letztlich doch nur ihr Kopftuch zurecht. Noch während der Zuschauer im Geiste die Hintertriebenheit des Regisseurs anklagt, erkennt er, welch großartiger Kinomoment ihm soeben beschert wurde. In dieser Szene wird er erfaßt von der Sinnlichkeit dieser Frau, die bis zu diesem Augenblick lediglich zu erahnen war.

All die erbitterten – teils zweifelhaften, gern auch mal lebensgefährlichen – Versuche Shenges, dem Elend seines Verliererdaseins zu entkommen, sorgen für viele der zarten, komischen Momente in einer ansonsten tragischen Geschichte. Zudem überrascht Quan'an immer wieder mit absurden Situationen, wenn er etwa den moralisch durchaus fragwürdigen Sitten und Bräuchen seiner Heimat wohldosierte Seitenhiebe verpaßt. Da geben sich die Abordnungen heiratswilliger Junggesellen auf dem Weg zu Tuya die Klinke in die Hand, und mit sonnenbebrilltem Pokerface werden die Heiratskonditionen ausgehandelt, wobei jedoch eher der Eindruck entsteht, man wohne einem mafiösen Drogendeal bei. Solch launige Szenen verleihen Tuyas Hochzeit nicht nur die angenehme Kurzweil einer guten Komödie, zugleich bewahren sie den Zuschauer vor einer allzu großen Anteilnahme am Schicksal der Protagonistin und den Film vor dem Absturz in die Gefühlsduselei.

Der schier maßlose Eifer, mit dem Shenge zu Werke geht, läßt jede einzelne seiner Hilfsaktionen zunächst spektakulär scheitern. Doch um eine Frau wie Tuya für sich zu gewinnen, bedarf es halt einer ebensolchen Sturheit, wie sie sie selbst an den Tag legt. Ironischerweise ist es gerade der dunkelste Moment in Tuyas Leben, der ihm die Chance auf Bewährung eröffnet. Hoch zu Roß wird er mit einem Schlag vom unbeholfenen Jüngling zum heldenhaften Eroberer. Und wir gönnen es ihm von Herzen. 1970-01-01 01:00

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