— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Transamerica

USA 2004. R,B: Duncan Tucker. K: Stephen Kazmierski. S: Pam Wise. M: David Mansfield. P: Belladonna. D: Felicity Huffman, Kevin Zegers, Fionnula Flanagan, Graham Greene u.a.
103 Min. Falcom ab 16.3.06

Die Bree-Identität

Von Sebastian Gosmann »Wir sind unter euch.« Diese bedrohlich wirkenden Worte entstammen nicht etwa einem zwecks schleichender Vernichtung der menschlichen Rasse zur Erde gesandten Alien. Es ist ein sogenannter Trans-Mann, dem dieser irrwitzige und zugleich bittere Spruch entfährt. Witzig, weil der Anblick dieser harmlosen Erscheinung mit Halbglatze und Vollbart sich so gar nicht decken will mit der mutmaßlichen Gefährlichkeit eines Wesens eingangs erwähnter Couleur. Bitter, da dieser Scherz nebenbei auch die Befindlichkeit einer gesellschaftlichen Minderheit offenbart. Einer Minderheit, die ihr Identitätsproblem immer noch als krankhaft gebrandmarkt sieht.

Die Transgender-Thematik bietet die Grundlage für Duncan Tuckers gleichsam bewegendes und komisches Roadmovie über die Trans-Frau Bree Osbourne. Es mutet fast kurios an, wenn diese – endlich auf der Zielgeraden zur ganzheitlichen Weiblichkeit angelangt – von ihrer Vergangenheit als Mann eingeholt wird, heißt: konfrontiert wird mit der folgenschweren Funktionstüchtigkeit des so ungeliebten »besten Stücks«. Eine Frau wird Vater. Oder wird nicht vielmehr ein Mann zur Mutter? Mit dem Anruf Tobys steht ein Definitionsproblem im Raum.

Wenig später steigen die beiden Fremden in ein Auto und werden dem jeweils anderen heikle – und ebenso bedeutende – Details des eigenen Lebens zunächst schamhaft verschweigen. Aus Brees Verschlossenheit jedoch resultiert der dem Film zugrundeliegende Konflikt, der unweigerlich zum Bruch zwischen den Hauptfiguren führen muß.

Zudem stehen sich die beiden Protagonisten schon allein aufgrund ihrer unterschiedlichen Beziehung zum eigenen Geschlecht diametral gegenüber: Eine konservativ-dröge Frau mittleren Alters mit übertrieben damenhaftem Auftreten, die im Begriff ist, sich des letzten männlichen Attributs schnellstmöglich zu entledigen. Und ein vom harten Leben auf dem Drogenstrich sichtlich mitgenommener Jüngling, der seinen (männlichen) Körper als einziges Kapital betrachtet und eben drum gern unbedarft-lasziv zur Schau stellt. Hieraus entwickeln sich auch für den mitwissenden Zuschauer nicht immer ganz einfach zu handhabende Situationen.

Tucker läßt seinen Figuren genügend Zeit für die schwierige Annäherung, führt sie behutsam zueinander. Zaghaft beginnt Bree, sich in ihre Erzieherrolle einzufügen, während der ahnungslose Toby immer noch dem Irrglauben unterliegt, er sei mit einer Missionarin der – Achtung – »Church of the Potential Father« unterwegs. Tuckers inszenatorischem Geschick ist es zu verdanken, daß Bree dabei höchstens komisch, nie jedoch lächerlich wirkt. Weit entfernt ist Transamerica von der Geschlechterparodie.

Die finale Operation kommt einer Eintrittskarte in ein unbeschwertes Leben gleich. Jede Minute mit Penis scheint für Bree eine regelrechte Qual zu sein. Felicity Huffman ist ein Geschenk. Ihr unbeholfener Gang, ihre gezwungene Mimik und ihre kontrollierte Gestik kehren die ganze Unsicherheit ihrer Figur nach außen, machen ihr Gefangensein im falschen Körper grausam plastisch. Bemerkenswert ist auch die Stimmlage, mit der Huffman ihre Figur versieht. Zu keiner Zeit kommt das Gefühl auf, hinter Bree könnte sich eine leibhaftige Frau verbergen.

Nichts wünscht ihr der Zuschauer mehr als die baldige Erlösung. Nichts wünscht er sich mehr, als Bree endlich glücklich zu sehen, versöhnt mit ihrem Körper, befreit von der psychischen Blockade, unter der sie viele Jahre gelitten hat. 1970-01-01 01:00

Medien

© 2012, Schnitt Online

Sitemap