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Die Träumer

The Dreamers. GB/F/I 2003. R: Bernardo Bertolucci. B: Gilbert Adair. K: Fabio Cianchetti. S: Jacopo Quadri. P: Recorded Picture, Hachette Première u.a. D: Michael Pitt, Louis Garrel, Eva Green, Jean-Pierre Kalfon, Anna Karina u.a.
114 Min. Concorde ab 22.1.04

Auf dem Floß

Von Fritz Göttler Ein Phantomfilm von Bertolucci, genregerecht und dabei ganz und gar individuell. Ein aufregendes kleines Nachtstück über Rats, Fanatiker, nachtaktive Wesen. »Vampir-Fledermäuse, die sich in den Mantel ihres eigenen Schattens hüllen.« So nennt Gilbert Adair in seinem Roman seine Helden, die Besucher der Cinémathèque Française in Paris, im Jahr 1968.

Zwei aus dem Pariser Ratpack sind Théo und Isabelle, ein Zwillingspaar, das Tisch und Bett teilt in der elterlichen Wohnung, Rue de l'Odéon, und die Träume natürlich, die gespeist sind vom amerikanischen Kino, von Fullers Shock Corridor oder Mamoulians Queen Cristina. Sie nehmen Matthew zu sich, einen jungen Amerikaner in Paris, der das Leben naturbedingt eher isolationistisch erlebt, in Einsamkeit und Onanie. Kinderspiele sind es, was Bertolucci am liebsten und am besten filmt, mit all dem Ernst, der ihnen zukommt. Man kann in seinen Filmen die Infantilität als eine Art Lebenskunst entdecken, als Rettung vor der Petrifikation durch die bürgerliche Gesellschaft. Die jungen Männer vor der Revolution, der kindliche Konformist, der alte Brando, der junge Buddha…

Man kann auf diesen neuen Film mit Verachtung reagieren oder mit absoluter Leidenschaft, dazwischen aber ist keine Reaktion möglich. Schon deshalb, weil man sich, wie immer bei Bertolucci, fragen muß, was das Kino uns bedeutet und welche Bedeutung wir als Zuschauer vor dem Kino haben. Aus einer Diskussion mit dem Vater der Geschwister, der ein Dichter ist, bleibt ein Satz sperrig im Raum stehen: Jede Petition ist ein Poem. »Was ist lächerlicher als das Pathos nicht realisierter Hoffnungen?« Hat Frieda Grafe geschrieben über Bertoluccis Partner, einen frühen Phantomfilm, inspiriert von Murnaus Nosferatu. Als die Cinémathèque geschlossen wird und ihrem Direktor Langlois die Entlassung droht, ziehen die drei Dreamers sich in das Labyrinth der Wohnung zurück, wenden den Blick von der Welt draußen, fangen Spiele an, in denen die Kinoerinnerungen und sinnliche Befriedigung sich vermengen. Auf der Straße liefern die Studenten sich erbitterte Kämpfe mit der Polizei. Die Kinder drinnen verträumen die Revolution. »Doch inzwischen vermittelten die drei nicht mehr die verschlungene Eleganz eines Monogramms, sondern die gräßliche, graugrüne Ruhe des Floßes der Medusa. Nichts konnte sie mehr aufhalten, als sie nun über diese Lethe setzten, die genauso verschmutzt war wie jeder andere Fluß.«

In Venedig auf den Filmfestspielen hat man dem Film seine Realitätsflucht, das Übersetzen über die Lethe zum Vorwurf gemacht. »Die Jungen in Amerika«, hat Bertolucci erzählt, »weigerten sich damals, nach Vietnam zu gehen, in den Krieg, während die jungen Franzosen Molotowcocktails auf die Polizisten schleuderten. Im Jahr 2003 ziehen die Amerikaner in den Krieg und die Franzosen weigern sich… Das ist ein interessantes historisches Paradox. In der letzten Einstellung des Films habe ich mich stark an den Einsatz der Polizei in Genua beim GATT erinnert. Diese jungen Leute lassen mich an ihre Vorfahren von 1968 denken…«

Bertolucci ist der Filmemacher der Regression, und das Zurück zur Natur, das seine Helden praktizieren, hat intellektuelle Kritiker immer schon genervt, weil es sich den eindeutigen Antworten, den konkreten Fakten entzog. Vermaledeite Evasion? »Das Leben der Formen«, schrieb dagegen Frieda Grafe, »das ist das Leben, das sich niedergeschlagen hat in Fakten, in äußerlich Sichtbarem, und allein dadurch schon nicht mehr Leben ist.« In dem Gespräch mit dem Vater hat Matthew, der Gast, inhaltlich sich nicht beteiligen wollen, ihm war die Balance wichtiger, das Verhältnis, in dem die Objekte, Worte, Dinge im Raum zueinander sich befinden. Bertolucci macht die einzige Art des politischen Kinos, die sinnvoll ist. Er geht so nah an die Körper heran, bis die vertraute Oberfläche sich auflöst unter seinem Blick. 1970-01-01 01:00

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