— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Traders' Dreams – Eine Reise in die Ebay-Welt

D 2006. R,B: Stefan Tolz, Marcus Vetter. K: Thomas Riedelsheimer, Dieter Stürmer u.a. S: Annette Muff, Marc Schubert. M: Paul Shigihara. P: Filmquadrat.
86 Min. Piffl ab 28.6.07

Aus der Welt der Powerseller

Von Bettina Schuler Ebay-Magazin, ebay-Radio, ebay-Universität: Das größte Auktionsportal im Netz ist für viele längst eine Lebensphilosophie, dank derer sie ohne viel Geld und Risiko ihr eigener Chef werden können. Egal aus welcher Ecke der Welt sie stammen. Daß ebay jedoch alles andere ist als ein freundlicher Weltverbesserer, der Langzeitarbeitslosen, idealistischen Künstlern oder anderen Pleitegeiern unter die Arme greift, damit sie wieder auf eigenen Beinen stehen können, zeigt die Dokumentation Traders' Dreams von Stefan Tolz und Markus Vetter. In ihrem Film begleiten die Filmemacher fünf ebay-User aus verschiedenen Kontinenten, die bereits erfolgreich sind oder erst am Anfang ihrer professionellen ebay-Verkaufskarriere stehen und hoffen, durch den Einstieg beim Auktionsportal ihre finanzielle Lage zu verbessern – was jedoch viel schwieriger und aufwendiger ist als das Verkaufsportal suggeriert. Denn, wer viel verkaufen will, benötigt erst die notwendigen Produktionsmittel: einen Computer, ein funktionierendes Netz und, nicht zu vergessen, eine ordentliche Kamera, um das Produkt auch optimal zu präsentieren.

In Traders' Dreams rücken Markus Vetter und Stefan Tolz den ebay-Machern nicht auf die Pelle. Sie verzichten darauf, das Geschehen zu kommentieren. Doch geben die beiden Regisseure durch die Auswahl ihrer Charaktere die Lesart des Films vor: der böse Amerikaner, der die unwissenden mexikanischen Vasenhersteller ausnutzt, um sich an ihren Produkten zu bereichern, oder der naive deutsche Kleinbürger, der erst einmal ordentlich viel Geld für ebay-Schulungen abdrückt, um sich auf den Geschäftsbeginn vorzubereiten. Auch auf dem globalen Markt bleibt der kleine Mann der Verlierer, die Mächtigen gewinnen an Kapital. Der American Dream: belangloses Geschwätz. Dieser unterschwellige Kommentar ist dem Film anzumerken. Im Film funktioniert der Konzern als ein Symbol der Globalisierung, die sowohl Hoffnungen als auch Ängste weckt. Ebay als ein Beispiel für die Schamlosigkeit der Unternehmen, die die Suche nach einem Ort der Geborgenheit und Gemeinschaft in der global vernetzten Welt für ihre wirtschaftlichen Interessen ausnutzen.

Auf dem jährlich stattfindenden ebay-Live Kongreß wird dies besonders deutlich: riesige Leinwände, die den Besuchern die ebay-Philosophie einhämmern, Animateure, die in konzerneigenen T-Shirts die Masse aufputschen, und natürlich der gute alte Onkel Griff vom ebay-Radio, der seine happy ebay-Family überschwänglich begrüßt. Jeder, so suggeriert es dieses Event, kann zur großen glücklichen ebay-Family dazugehören. Keiner muß auf dieser unübersichtlichen globalen Welt mehr alleine sein. Doch gerade bei diesem sehr amerikanischen Massenevent, wo endlich mal die Mächtigen des Konzerns versammelt sind, hätte man sich kritischere und wesentlich direktere Fragen gewünscht. Die Interviews, die die Regisseure führen, sind hingegen höflich, zurückhaltend. Allein durch den Schnitt auf die sächsische Familie in Borna, die sich vergeblich als Powerseller versucht, wird klar: So einfach ist es mit dem Geldverdienen nicht, und der einzige Gewinner ist oft ebay.

Am Ende kehren die beiden Regisseure zu ihrem anfänglich sehr versöhnlichen Ton zurück. Ebay, eine große glückliche Familie und die Möglichkeit aufs schnelle Geld? Wohl nicht! Aber ein kleiner Zeitvertreib, der den Schnäppchenjäger in uns allen weckt. 1970-01-01 01:00

Medien

© 2012, Schnitt Online

Sitemap