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Touch the Sound

D/GB 2004. R,B,K,S: Thomas Riedelsheimer. M: Fred Frith, Evelyn Glennie. P: Filmquadrat, Skyline.
99 Min. Piffl ab 4.11.04

All we need is silence

Von Sascha Seiler »Das Gegenteil von Klang«, erklärt die schottische Musikerin Evelyn Glennie an einem Punkt von Thomas Riedelsheimers Dokumentation, »ist sicherlich nicht die Stille. Tatsächlich frage ich mich, denn es muß ein Gegenteil zum Klang geben, ob es nicht etwas in hohem Maße Statisches ist, etwas, das man mitnehmen kann. Es ist in meiner Vorstellungskraft jedenfalls das Nächste zum Tod.« Das Schweigen allerdings sei das lauteste Geräusch, das vernommen werden kann.

Klang und Raum interagieren in der Welt der Künstlerin, denn beides sind gefühlte Elemente. Evelyn Glennie ist nahezu taub, deswegen unterscheidet sich ihr Klangempfinden von dem jener Menschen, die »durch die Ohren hören.« Ihr Körper nimmt den Klang wahr und verarbeitet ihn, läßt sie seine Kraft spüren und das einzige, was dabei stört, ist das Wenige an Geräusch, das noch durch ihre Ohren dringt. Der Körper, als Teil eines prädefinierten Raums, interagiert mit den Schwingungen, die von den perkussiven Instrumenten ausgehen, und verarbeitet stärker und intensiver als es die Mainstream-Konditionierung des menschlichen Ohres im 21. Jahrhundert jemals zulassen würde.

Die visuelle Komponente dieses Raum/Klang-Konzeptes zu unterstreichen hat sich Thomas Riedelsheimer vorgenommen, und er fügt dem Konzept von Erleben im Klangraum einen interessanten Ansatz hinzu. Wenn der Film mit einer Kamerafahrt vom Mittelpunkt des Gongs durch die riesige Etage eines heruntergekommenen Fabrikgebäudes beginnt, so fühlt man sich aus zwei Gründen an die frühen Pink Floyd erinnert: Erstens gemahnt die Anordnung der Klangapparaturen an die Rückseite des Covers von »Ummagumma«. Zweitens allerdings erinnert die gesamte Ästhetik des Verfalls und der Anordnung archaischer Musikinstrumente in eine gerade mit diesem Verfall assoziierte Umgebung an Pink Floyd in Pompeji. Hier der implizite Untergang antiker Zivilisationen, dort der Verfall des 20. Jahrhunderts: leere Fabrikhallen, abgerissene Gebäude, dunkle Seitengassen inmitten einstürzender Bauten. Das wiederum gemahnt etwas an die gerade sehr populären Bilder der Künstlerin Ruth May. Darüber schwebt die improvisierte Musik von Evelyn Glennie und Fred Frith, deren Entstehung das Leitmotiv der Dokumentation darstellt, ähnlich wie bei Pink Floyd in Pompeji bedrohlich und dissonant.

Fred Frith erklärt während einer Pause, daß das Narrative in der Improvisation die Zusammenfassung eines Lebens bis zu diesem Zeitpunkt sei. Die beiden Musiker hatten sich zuvor noch nie getroffen und weder Konzept noch Plan gehabt, wie die Musik entstehen sollte, außer der Vorstellung des Klanges im Raum; wie Evelyn Glennie ihn fühlt, wie Frith ihn mit den Ohren hört. Ähnliches hatten vor einigen Jahren die Musiker Peter Hammill und Roger Eno verabredet: Auf »The Appointed Hour« musizierten beide genau 60 Minuten gemeinsam mit der Vorgabe, sich von jeglichen Jam-Regeln fernzuhalten. Vielmehr sollte auch hier die Rolle des Klangs im Raum und der Kontrast zwischen subjektiver und objektiver Soundwahrnehmung im Mittelpunkt stehen. Durch das Ertasten des sich gerade produzierenden Klanges mit dem eigenen Körper allerdings gewinnt der Begriff des Klangkörpers eine ganz neue Bedeutung. Die Komposition des Films ist allerdings, auch das sollte erwähnt werden, im Gegensatz zu der von Evelyn Glennies Musik, sehr viel eher an klassische Techniken angelehnt. Klang wird von einem babylonischen Gewirr filigran auseinander genommen, bis konsequenterweise die Stille als Quintessenz – und Ruhe vor dem Sturm – erscheint. Eine Feder fällt, eine japanische Reisbäuerin bestellt das Feld. Man merkt schon: Alles, was man benötigt, ist, die Stille zu verstehen. 1970-01-01 01:00

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