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Die totale Therapie

A 1997. R,B: Christian Frosch. K: Johannes Hammel. S,M: Michael Palm. P: Prisma Film. D: Ursula Ofner, Blixa Bargeld, Sophie Rois, Lars Rudolph, Walfriede Schmitt u.a.
120 Min. Neue Visionen ab 24.8.00
Von Oliver Baumgarten Dies ist der mithin seltsamste Film unter den bisweilen seltsamen Filmen aus Österreich. Es geht, soviel verrät der Titel, um eine Therapie, der sich eine Gruppe unterschiedlichster Menschen in »einer der schönsten Landschaften Europas«, also mitten in der Einsamkeit Österreichs, bei einem guruähnlich verehrten Therapeuten unterzieht. Die beileibe nicht unanstrengende erste Stunde des Films führt den höchst oberflächlich gezeichneten Figurenreigen ein, reiht ein Klischee an das andere und setzt das Schreien/Heulen/Stöhnen der haarsträubenden Therapiemethoden mit Hilfe bemühter von Trierscher Idioten-Manier ins Bild.

Alles Gründe, um ebenfalls schreiend/heulend/stöhnend auf der Stelle das Kino zu verlassen. Die Figuren interessieren bis zu diesem Zeitpunkt überhaupt nicht, die Willkür der Pärchenbildung, die Offensichtlichkeit ihrer Allerweltsproblemchen und die zum Teil blasse Darstellung nerven oder schlimmer noch: langweilen. Da gibt es Handlungssegmente, die kurz eingeführt, nie wieder aufgegriffen werden. So will der Maestro aus heiterem Himmel sein Institut schließen, weil er sein Unternehmen als gescheitert sieht – warum allerdings, das erfährt niemand. Die Reißschwenk-, Gewaltzoom- und Rekordschärfenverlagerungs-Handkamera in den Therapieszenen ist zweifellos lebendig, aber zu diesem Zeitpunkt, an dem einfach davon ausgegangen werden muß, der Film sei ernst gemeint, zu diesem Zeitpunkt erscheint das alles auf grausame Weise ambitioniert.

Und dann kippt der Film, und am Ende sind bis auf eine Person alle tot. Erstochen, erschossen, verblutet, ans Kreuz genagelt, Genick gebrochen, aus großer Höhe auf einem Tennisplatz zerschellt. Zwar liegt eine gewisse Wendung im ersten Teil in der Luft, aber was nun so alles passiert, spottet jeder Beschreibung, und das Wort »absurd« wäre nur eine erbärmliche Verlegenheitsvokabel. Hier paart sich Trash mit Splatter, Sozialsatire mit Blödelei und Psychothriller – eine krude und zum Teil verstörende Mischung, die nur selten eine Einheit zu bilden vermag.

Erst am Ende, wenn der Zuschauer gegen all diese Konventionsverstöße endlich kapituliert, gelingt Christian Frosch nicht zuletzt dank der Musik und einiger typischer Einstellungen der jeweiligen Genres dann doch eine irgendwie eigene Stimmung, die diesen himmelschreienden Blödsinn adäquat untermalt. Und auch, wenn ich das Gefühl nicht los werde, der erste Teil möchte mich vom Gegenteil überzeugen: Die totale Therapie ist Nonsens, bar jeder Metaebene, bloßer Selbstzweck, eine Fingerübung. Alles andere möchte ich mir gar nicht ausmalen in einem Film, in dem, einmal losgelassen, jeder Mensch zum Rambo mutiert. 1970-01-01 01:00
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