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Tony Takitani

J 2004. R,B: Jun Ichikawa. K: Taishi Hirokawa. S: Sanjyo Tomoo. M: Ryuichi Sakamoto. P: Wilco Co.. D: Issey Ogata, Rie Miyazawa, Nishijima Hidetoshi, Shinohara Takahumi, Shihodo Wataru, Kino Hana u.a
75 Min. Alamode ab 9.6.05

Der Sinn der Leere

Von Tina Hedwig Kaiser Der leere Raum formt in Tony Takitani sämtliche Kadrierungen Jun Ichikawas. Der japanische Regisseur, der in den 80ern mit Werbefilmen Preise in Cannes einholen konnte und seit 1987 Spielfilme dreht, gehört mittlerweile zum angesehenen Kreis des heute eher ungewollt so bezeichneten Kunstfilmgenres. Dennoch: wenn schon Zuordnungen, dann eben ganz: hier kommt Kunstfilm, wie man ihn sich nur wünschen kann. Die stillen, zurückhaltenden Bildan- und -ausschnitte, die leeren, behutsam in Farbe und Form konstruierten Räume erinnern zuerst einmal an die Bilder Edward Hoppers. Der Aufenthalt in einem Raum ist dabei immer schon Frage genug: Wer ist hier wozu, wieso, weshalb, warum? Liegt man, steht man, kniet man? Wohin blickt man und weshalb? Fühlt man sich angelehnt, geborgen, fremd oder ruhig? Und was macht die Kamera daraus für ein Bild, was ist mit dem hors-champs, und wie bewegt sie sich in und mit diesen Räumen?

Hier nun äußert sich prompt das genaue Gegenteil einiger charakteristischer Einstellungen aus Godards Film Nouvelle Vague. Wo bei ihm die Kamera in einer einzigen langen Planfahrt an den gläsernen Außenwänden einer Sommervilla vorübergleitet, da ist man mit Ichikawa in einem klar feststehenden Ausschnitt eines Innenraums, der in seinen schlichten reduzierten Wänden und Horizontausblicken erst eine ungeheure Weite ahnen läßt und dennoch gleichzeitig jeden Wahrnehmungsrahmen spürbar macht. Still, ja stillhalten soll mit den gebotenen Blicken die Kamera nur noch, sanftes Einfrieren gleichsam, und erst so kommt die Angst um die Dauer der gebotenen Aussicht, die sich nur sehr zögerlich vor einem auftut, zum Tragen. Zu bewegen braucht sich hier nichts, nicht die Kamera, und die Menschen auch nur selten.

Angeschnittener könnte ein Kopf nicht auftauchen, die Konzentration des Bildes liegt auf einem fast schon brutal offen gehaltenen und weiten städtischen Panorama, das sich die Distanz zum Zuschauer bewahrt. Unser Blick bleibt ungeneigt, wir sehen nicht nach unten, zur Stadt hinunter, nein, eine Neigung ist nicht möglich. Wir sehen nur immer geradeaus und können nur das erkennen, das uns langsam entgegen kommt. Ein Kameraschwenk wäre bei Ichikawa schon zuviel der Bewegung.

Und wie könnte es anders sein: Es gibt eigentlich auch nicht allzu viel zu sagen in diesem Film. Die Hauptdarsteller sprechen, wenn sie wissen, was sie zu sagen haben: eine Art der Kommunikation, die im Stillen weiter schwingt, auch wenn das geäußerte Resultat oft nicht mehr als zwei, drei Sätze ausmacht. Die es dann aber sehr ernsthaft auf den Punkt zu bringen versuchen. Und denen ihre Anstrengung anzumerken ist, schließlich tasten sie sich immer wieder neu an das Gegenüber heran, sprechen vielleicht in einen luftleeren Raum hinein. Doch die Möglichkeit des gezielten Anschnitts genauso wie des Gedankenblitzes, der so und nur so weitergegeben werden kann, macht dies annähernd verständlich. Es finden Entwicklungen statt, die nicht unbedingt sichtbar sein müssen. Der leere, stillstehende Raum zumindest verbindet sich mit einer derartigen Kommunikationsvariante perfekt. Gedreht nach einer Kurzgeschichte von Haruki Murakami verwundert dies nicht. Der tiefe Brunnen, der Schacht, das unterirdische Labyrinth, die Traumwelten, etc. – alles wegbahnende Motive all seiner Romane.

Einer seiner Helden nun, Tony Takitani, verbringt eine überschaubare Kindheit mit Vater und Haushälterin, die Mutter ist kurz nach der Geburt gestorben. Andere Personen sind nicht auszumachen, doch in seinen introspektiven Monologen wäre Tony der letzte, der sich selbst als einsam bezeichnen würde. Er malt, studiert Kunst und wird später einen angesehenen Posten als Graphiker innehaben. Ein ruhiges Leben also, das nie über sich selbst in Begriffen wie »Einsamkeit« oder »Sehnsucht« handeln würde. Ein gutes Leben vielleicht, zumindest große Stille, Ruhe und Konzentration. Vielleicht ein verzweifelt gesuchtes Ideal für jeden außenstehenden Betrachter, doch Tony selbst würde es für das normalste halten. Weitestgehend zumindest, denn er hat natürlich gelernt, Fragen seiner Kommilitonen nach seinem Privatleben geschickt auszuweichen. Zwei Sätze genügen, und man wirkt nicht verdächtig. Der Verdacht würde sonst in Mißverstehen, vielleicht sogar in Mißtrauen umschwingen, und das, weiß zumindest Tony, wären unnötige Gedankenspiele.

Keine Beziehung, kein Privatleben – jeder würde denken, daß Tony doch unglücklich sein muß. Doch Tony ist vermutlich der letzte, der das ist. Das große »Es ist gut so« also. Vielleicht auch angewandter Zen-Buddhismus. Ein Film aus Japan zumindest. Da weiß man um die Regeln nicht zuletzt seit Jim Jarmuschs Ghost Dog: Tsunetomos »Buch des Samurai« , von Jarmuschs Hauptdarsteller in allen Lebenslagen gelesen, weiß zu raten, daß die Konzentration auf eines wichtig ist.

Zudem sind Murakamis Helden alle irgendwie Lonesome Rider. Da gibt es nie viele Menschen, geschweige denn Gruppenansammlungen. Es ist immer der Einzelne, der über seine Umgebung staunt, der in unübersehbare Ereignisse taumelt, seiner Nase folgt und dennoch bedacht und gewieft genug ist, obwohl alle ihn vor der Hand eigentlich für einen Loser halten müssen. Doch das muß und kann ihm letztlich egal sein, denn die ihn betreffenden Geschehnisse tragen sich nun mal so fort, wie sie es eben tun, und er kann nur unter mehr oder weniger abstrusen Handlungsoptionen wählen und wiederum beeinflussen. In Murakamis Romanen setzen sich dergestalt die Helden mal in eben jenen zuvor genannten tiefen Brunnen (zum Nachdenken), mal an den Strand (zum Weinen) oder mit Vorliebe auch an den einsamen Abendbrottisch in der Küche um gänzlich unverwandt in den Bierschaum zu starren. Letztendlich eigentlich immer in erster Linie, um sich zu wundern. Eine, nur oberflächlich betrachtet, kleine beschauliche Welt also, die jedoch alles ist, was ein echter Murakami-Leser gezeigt bekommen will. Die Zeit fürs Spaghettikochen kann weltbewegende Ereignisse beeinflussen, oder auch nicht. Aber dennoch scheint hier immer irgendwie alles mit allem verbunden zu sein, und die Protagonisten müssen sich durch mehr oder weniger intuitives und überzeugtes Handeln beweisen. Keiner weiß, wo und wie die wesentliche Ereigniskette ausgelöst wird, und die gilt es meist aber zu finden. Und sei es mit noch so vordergründig unsicheren Schritten.

Tony ist einer von ihnen. Er findet nach Jahrzehnten des Alleinseins eine Frau, die nicht minder seltsamer als er selbst ist. Eigentlich eine stille umgängliche Schönheit, die er auf der Arbeit kennenlernt, ist sie doch einer Obsession leidenschaftlich verfallen: Designerkleidung. Tony weiß darum, und lange geht es gut. Doch das Zimmer mit ihren Einkäufen wuchert und wuchert, bis Tony doch nach langem Kampf die Bitte an sie heranträgt, die Einkäufe etwas zu reduzieren. Sie versucht es, und es wird fatale Folgen haben.

Doch ganz im Sinne der Leere, Weite und des Zen: Tony wird dennoch seinen Murakamischen Brunnen finden. Im leeren Kleiderzimmer wird er auf dem Boden liegen – eine Fensteröffnung, gefüllt mit einem eher fahlen Licht, gibt es hier auch nur oben an der Decke. Dieser ehemalige Kleiderraum, ein Raum von Anhäufungen also im weitesten Sinne, ist nun, nach langem Kampf und vielen Ereignissen, endlich leer. Ein leerer Raum ist entstanden. Und genau dieser Leere bedarf es, damit Tony weitermachen kann. Jetzt erst ist er auch selbst leer. Leben kann er ja, in der Leere schwingt die Freiheit. Keinen Menschen hat er jetzt vielleicht mehr, aber seine Arbeit. Und eine Telefonnummer, die er kurz davor ist zu wählen. Nun, was will man sagen: wie das nun mal so bei Murakami ist, oder bzw. bei Ichikawa. Japan eben. 1970-01-01 01:00
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