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Die Töchter des chinesischen Gärtners

Les filles du botaniste. F/CDN 2006. R,B: Dai Sijie. B: Nadine Perront. K: Guy Dufaux. S: Dominique Fortin. M: Eric Levi. P: Sotela & Fayolle Films. D: Mylène Jampanoi, Li Xiao Ran, Wang Weidong u.a.
98 Min. Universum ab 28.6.07

Zärtliche Schwägerinnen

Von Lina Dinkla Berauschend schöne Bilder von saftigen Blüten, dampfenden Bädern, sumpfigen Wiesen, exotischen Pflanzen, samtigen Körpern: Der Titel legt es bereits nahe, Dai Sijies (Balzac und die kleine chinesische Schneiderin) neuer Film ist ganz und gar von der organischen Beschaffenheit seiner Schauplätze ausgefüllt.

Auf die Insel inmitten eines Sees verschlägt es die junge Waise Li Min. Sie will hier, bei dem berühmten, aber mürrisch strengen Botaniker Mr. Chen eine Weile als Praktikantin arbeiten. Dieser lebt mit Tochter An fern der Zivilisation auf dem verwilderten, dschungelartig bewachsenen Eiland und züchtet von Ginseng bis Eisenhut jede Heilpflanze, die in der chinesischen Medizin Verwendung findet. An ist sehr erfreut über den Besuch vom Festland, gestaltet sich das Leben mit dem Vater doch recht dröge und nicht besonders lebensfroh. Schnell müssen die beiden Frauen feststellen, daß sie füreinander mehr als freundschaftliche Gefühle hegen. Kein unheikles Thema im China der 1980er Jahre. Homosexualität wird zu dieser Zeit noch mit dem Tode bestraft. Mit dem Auftauchen von Dan, Ans älterem Bruder, spitzt sich der erwartete Konflikt zu, sieht der Vater in Li endlich eine passende Frau für seinen Sohn. Li nimmt den plumpen Heiratsantrag an; als Frau eines einfachen Soldaten ist es ihr nicht gestattet, mit in die Kaserne zu ziehen, und auf den ersten Blick scheint es so für An und sie die perfekte Möglichkeit zu sein, unbehelligt beieinander zu bleiben. Doch auf den ersten folgt schnell der zweite Blick, und als auch Vater Chen die wahre Tiefe der Beziehung zwischen den Töchtern begreift, ist für die beiden Liebenden alles zu spät.

Würde Die Töchter des chinesischen Gärtners im Pressetext nicht als »weiblicher Brokeback Mountain« angekündigt, man sähe vielleicht wohlwollend über die erzählerisch recht schlichte Geschichte hinweg, sich an der eingangs erwähnten Bilderorgie satt, und gut wär's. Aber diese Anmaßung kann so nicht stehengelassen werden. Sicherlich sind oberflächliche Parallelen augenfällig, doch im Gegensatz zu Ang Lees vielschichtiger Auseinandersetzung, die ja vor allem die unerträgliche Zerrissenheit im Inneren der Figuren behandelt, schafft Sijie es noch nicht einmal, den Figuren auch nur im Ansatz Tiefe zu verleihen und mehr als eindimensionale Fassaden zu entwerfen. Zu eindeutig ist das Gut-Böse-Schema konstruiert, die Sympathien langweilig und offenkundig verteilt. Das Traurigste daran: Jegliches ernstzunehmendes Mitfühlen mit den beiden Frauen wird so – welch passendes Bild – im Keim erstickt. 1970-01-01 01:00

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #46.

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