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Tisch Nr. 6

D 1998. R,B: Carola Noelle Hauck. K: Hans-Peter Eckhardt. S: Stephan Krumbiegel. M: Beate Hetény. P: Filmakademie Baden-Württemberg.
83 Min. Arsenal ab 21.10.99
Von Alexandra Seitz Tisch Nr. 6 – die Bezeichnung dient hier nicht als Orientierungshilfe für den Kellner. Auf Tisch Nr. 6 liegt die Leiche eines alten Mannes, der seinen Körper der Wissenschaft zur Verfügung gestellt hat. Jetzt wird er im Anatomiekurs von vier Medizinstudenten verwendet, als Anschauungsmaterial und zu Präparationszwecken.

Im Laufe des Semesters wird der alte Herr buchstäblich zerlegt, das läßt sich leider kaum feiner ausdrücken.

Freunde des Splatterfilms sind in dieser Dokumentation fehl am Platz, weil hier weniger der Weg alles Irdischen blutig genau nachvollzogen wird, denn die Veränderungen in der Haltung der Lebenden zum Toten beobachtet. Anders gesagt, die am Tisch Nr. 6 stationierte Kamera geht dem nach, was aus Studenten vielleicht einmal gute Mediziner werden läßt: der Entwicklung des abstrahierenden Blicks. Den alten Mann, der da vor ihnen liegt, begreifen die angehenden Ärzte nach einer Weile schon als Arbeitsmaterial, der Respekt und die Ehrfurcht vor der Leiche weichen einer mehr berufsbedingten Neugier auf das, was sie in sich birgt, schließlich stellt sich gar Routine ein. Das zu verfolgen und dabei zu sehen, daß die Studenten ihrem Experimentierfeld doch nie gänzlich die Würde rauben, ist faszinierend. Hier wird der Grundstein für das mechanistische Menschenbild unserer gegenwärtigen Schulmedizin gelegt, und so ist auch klar, daß nach einigen Jahren davon allein noch die Routine übrig sein wird.

Angesiedelt war der Vorgang der Sektion schon immer zwischen dem Grauen vor dem Tabubruch und dem unwiderstehlichen Erkenntnisdrang des Forschers, zwischen Entmystifizierung des menschlichen Körpers und Bewunderung für die Perfektion seines Innenlebens. Davon zeugten auch The Act of Seeing with One's Own Eyes (1971) und Der Weg nach Eden (1995). Gnädigerweise verzichtet Tisch Nr. 6 auf Farbe, was der Schönheit der feinen Strukturen entgegenkommt, die sich bereits gleich unter der Haut finden. Trotzdem, wer schon bei Chicago Hope Schwierigkeiten hat, sollte vom Besuch dieses Films lieber absehen. 1970-01-01 01:00

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #16.
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