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Der Tintenfisch und der Wal

The Squid and the Whale. AUS 2004. R,B: Noah Baumbach. K: Robert Yeoman. S: Tim Streeto. M: Dean Wareham, Britta Phillips. P: American Empirical, Peter Newman-Internal. D: Jeff Daniels, Laura Linney, William Baldwin u.a.
81 Min. Concorde ab 11.5.05

Szenen einer Scheidung

Von Daniel Bickermann »Du bist wirklich eine kleine Schlampe«, haucht Bernard zärtlich seiner geschiedenen Frau Joan zu, als ihn die Sanitäter nach seinem Herzinfarkt abtransportieren. Die scheint von den vermeintlich letzten Worten ihres Ex-Gatten wenig angetan, eher bestürzt: »Du nennst mich eine Schlampe?!« Es folgt ein tragikomischer Dialog, in dem Bernard röchelnd versucht, ihr klarzumachen, daß er sie keineswegs beleidigen, sondern nur die letzten Worte von Jean-Paul Belmondo zu Jean Seberg in A bout de souffle als seine eigenen zitieren wollte, weil Joan diesen Film doch so gerne mag. Während Joan mit düsterer Stimme anmerkt, daß sie diesen Film nicht ausstehen kann, windet sich der Zuschauer auf seinem Sitz.

Solche Szenen, ständig oszillierend zwischen größtmöglicher Tragik und unerträglicher Komik, stehen im Herzen dieses außergewöhnlichen Films und spiegeln akkurat seine Stimmung wider: ungemütlich, grausam, sarkastisch, beinahe makaber in seinem Umgang mit dem toten Körper dieser Ehe. Im Deutschen gibt es kein Konzept und demnach auch kein Wort für diese Verzahnung von unfreiwilliger Komik der Charaktere in den unpassendsten Momenten und der trotzdem ungeschminkt durchscheinenden Bitterkeit der Situation. Wenn Bernard, ein gescheiterter Schriftsteller und Meister der Verdrängung, in diesem Scheidungsgefecht von einer Erbärmlichkeit in die nächste stolpert, ist das ebenso lächerlich wie tieftraurig. Die Mitte dieser Extreme, das gediegene Drama, ist in The Squid and the Whale beinahe komplett abwesend, was dem Film eine ungewohnte Schärfe verleiht.

Dazu kommt noch die Tatsache, daß in diesem Scheidungsalptraum Kinder anwesend sind. Die beiden Jungs sind zwar unvermeidlicherweise vor allem mit sich selbst beschäftigt, schließlich befinden sich beide an den unterschiedlichen Enden der Pubertät, aber eine gewisse Beeinflussung von der elterlichen Psycho-Schlammschlacht ist nicht von der Hand zu weisen: Während der siebzehnjährige Schüchterling eine deutlich gestörte Beziehung zu den ersten Geschlechtspartnerinnen entwickelt, degeneriert das elfjährige Engelsgesicht bis zu dem Punkt, wo er in Unterhose Schnaps säuft, Gespräche mit seinem Spiegel führt und das erste Ejakulat stolz in der Schulbibliothek verteilt. Der ganz normale psychologische Alptraum eben, präsentiert mit einer Schonungslosigkeit, wie man sie so radikal lange nicht mehr und so lustig noch nie gesehen hat.

Noah Baumbach, ein früherer Kollaborateur des ebenfalls familienorientierten Katastrophenregisseurs Wes Anderson, hält sich in seiner autobiographischen Regiearbeit inszenatorisch sehr dezent zurück und überläßt seinen Schauspielern das Zentrum der Aufmerksamkeit. Und gerade Jeff Daniels als vollbärtiger, phrasendreschender Möchtegern-Intellektueller mit verkrüppeltem Gefühlshaushalt dankt es ihm mit einer Meisterleistung. Auf der emotionalen Klaviatur des Publikums variiert er virtuos Ekel, Mitleid, Sympathie und schlichte Ungläubigkeit. The Squid and the Whale hat einige der raffiniertesten Scherze des Filmjahres zu bieten, aber man muß sie sich durch viel Tragik und Bitterkeit mühsam erarbeiten. 1970-01-01 01:00
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