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Timeline

USA 2003. R: Richard Donner. B: Jeff Maguire, George Nolfi. K: Caleb Deschanel. M: Brian Tyler. S: Richard Marks. P: Mutuak, Paramount. D: Paul Walker, Frances O'Connor, Gerard Butler u.a.
116 Min. Concorde ab 18.3.04

Abenteuerspielplatz Mittelalter

Von Matthias Grimm Spätestens seit der Verfilmung von Jurassic Park scheint Michael Crichton erkannt zu haben, wie blendend sich seine Themen und Geschichten – und im Prinzip sind es immer dieselben – zum Abkassieren auf der großen Leinwand eignen. Seitdem nämlich lesen sich seine Romane schon wie Drehbücher, so daß die Arbeit beim Adaptieren mit minimalstem Aufwand verbunden ist. Den Höhepunkt dieser Entwicklung markiert Timeline, sein bisher vorletzter Roman.

Da werden Dialoge seitenweise als wörtliche Rede aneinander geklebt, ohne solch veralteten Medien wie Literatur verhafteten Stilmittel wie einen Erzähler zu bemühen, der irgend etwas beschreiben könnte oder überflüssige Floskeln wie wenigstens »sagte er« oder »entgegnete jener« einfließen ließe. Da rufen Leute »Au!« und »Vorsicht!«, als wäre das in Büchern irgendwie hilfreich für das Verständnis oder die Spannung, da endet jede Szene mit einem Cliffhanger, da werden Personen eingeführt, indem ihr Aussehen beschrieben wird, als »breitschultrig und fit«, »gebräunt, mit dunklen Augen und einer ironischen Art« und, man mag es kaum glauben, sind dadurch schon vollkommen ausreichend charakterisiert.

Die Kapitel tragen keine Überschriften mehr, sondern einen Timecode, der die Deadline veranschaulicht, weil Rettung in letzter Sekunde im Film immer spannend ist. Das Geschehen besteht aus wüsten Aneinanderreihungen von Action-Szenen aus Genrezutaten: Lanzenturnier, Schwertkampf, Bogenschießen, was man von Rittergeschichten halt so erwartet; da macht es nichts, daß Explosionen und Metzeleien in geschriebener Form kaum fesseln – die Bilder entstehen sowieso im Kopf, mitsamt Einstellungsgrößen und Kamerafahrt, und dort werden sie bald von der Verfilmung ersetzt werden. Und die Figuren sind Abziehbildchen, wie in einem Pen&Paper-Rollenspiel zusammengewürfelt, alle mit einer Spezialfähigkeit versehen, die sich unter Garantie irgendwann in der Geschichte als nützlich erweisen wird: der Waffenfreak, der Fremdsprachenfanatiker, die Freeclimberin. Bestens geeignet für Kino. Für Hollywood-Kino. Für schlechtes Kino.

Da wundert es um so mehr, wie viele Abänderungen die Geschichte doch für die Filmversion erfahren hat. Wahrscheinlich hat Herr Crichton beim Schreiben nicht bedacht, daß ein nahezu in Echtzeit erzähltes 37-Stunden-Abenteuer einem Kinopublikum nicht zumutbar ist. Schon wird aus der 37- eine 6-Stunden-Deadline und die circa 20 Action-Szenen werden zu vieren verdichtet. Die Folge ist, daß sich der Film anfühlt wie die um eine Stunde gekürzte Fassung eines ursprünglich länger gedachten Films: Er führt seine Episoden nicht ein oder leitet zu ihnen über, nein, er hastet von einer zur nächsten und vergißt es, für die Dramaturgie notwendige Sachverhalte aufzuklären.

Auch die Charaktere schienen Hollywood noch nicht klischeebeladen genug zu sein; ist ja auch schwer nachvollziehbar, daß ein paar Studenten die Zeitreise nur auf sich nehmen, um ihren Mentor zu retten. Da muß einer von ihnen schon mindestens der Sohn des Professors sein. Und wie es bei Crichton-Verfilmungen mittlerweile üblich ist, bleibt der eigentlich populärwissenschaftliche Diskurs, der als Aufhänger und mitschwingender Grundton die Erzählung motiviert, völlig auf der Strecke und wird durch hanebüchene Verfolgungsjagden und dumme Dialoge ersetzt.

Das wäre noch nicht so schlimm, wäre es Richard Donner wenigstens gelungen, diese in einer Art zu inszenieren, wie es von einem Regisseur seines Kalibers zu erwarten gewesen wäre. Denn eigentlich hätte Timeline als Film eine wunderbar altmodische, handwerkliche Abenteuergeschichte sein können, nicht mehr und nicht weniger. Doch warum dann nur langweilige Nahaufnahmen von langweiligen Typen filmen, die so gar nicht in die albernen Kostüme passen wollen? Warum auch noch das verspielen, was den einzigen Reiz der Romanvorlage ausmachte: den faszinierten, gleichzeitig angewiderten und doch bewundernden Blick eines modernen Menschen auf das finstere Mittelalter?

Timeline mutet an wie der schludrig abgedrehte Erlebnisbericht vom Wochenendausflug einer Selbsthilfegruppe untalentierter Möchtegern-Jungstars zum örtlichen Abenteuerspielplatz, ein Rundherum-B-Film, dem es trotz A-Budget nicht eine Sekunde gelingt, auch danach auszusehen. 1970-01-01 01:00
© 2012, Schnitt Online

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