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Tiggers großes Abenteuer

The Tigger Movie. USA/J 2000. R,B: Jun Falkenstein. S: Robert Fisher, jr. M: Harry Gregson-Williams, Richard M. Sherman, Robert B. Sherman. P: Disney.
77 Min. Buena Vista ab 15.6.00

Der heimliche Held

Von Matthias Grimm Pünktlich wie ein Uhrwerk liefert die Zeichentrickabteilung von Disney jedes Jahr ihren Sommer- (in Deutschland: Weihnachts-) Blockbuster ab. Diesmal hat man sich jedoch zusätzlich für ein kleines Intermezzo entschieden. Die eigentlich auf TV-Serien spezialisierte Fraktion des Konzerns beschloß nämlich, eines ihrer Kinder von der Mattscheibe auf die große Leinwand zu hieven. Bei der Umsetzung von »Winnie Puuh« bedient sich Disney eines Tricks, der auch schon bei der letztjährigen Realverfilmung Asterix und Obelix gegen Cäsar (beinahe) funktionierte: statt den Schwerpunkt auf den gewitzten und allseits erhabenen – und somit eher langweiligen – Helden zu setzen, wird die eigentliche Nebenfigur Tigger ins Rampenlicht gerückt. Hinter dessen fröhlicher und verspielter Fassade verbirgt sich wie einst bei Obelix ein Charakter voller Melancholie und Sehnsucht. Weil nämlich niemand so recht den ausufernden Spieltrieb des gestreiften Energiebündels nachvollziehen kann, beschließt Tigger, seine Familie zu suchen. Dabei setzt ihn das Drehbuch solch herben und rührenden Schicksalsschlägen aus, daß man selbst das – bei Disney übliche – überstrapaziert turbulente Finale mit naiver Schlußbotschaft in Kauf nimmt.

Erfrischend anders gibt sich Tigger bei seinem Zeichenstil, der sich von den immer perfekter anmutenden Hintergründen mit computerunterstützten Animationen der letzten Disney-Filme entfernt hat und sich zu einer Rückbesinnung bekennt, die man faßt »altmodisch« nennen könnte. Gerade dadurch entwickelt der Film einen Bilderbuchcharakter, der ihn so charmant und liebenswert macht und auf eindrucksvolle Weise zeigt, was Zeichentrickfilm eigentlich ausmacht: nicht das möglichst realistische und aufwendige Nachbilden einer Beinahe-Realität, sondern das Eintauchen in eine Welt, die bewußt anders ist und auch dementsprechend funktioniert und aussieht.

Auch bei der Musik kehrt Disney zu seinen Wurzeln zurück, was vor allem auch daran liegt, daß mit den Sherman-Brüdern zwei Altmeister am Werk waren, die mit den Songs zu Das Dschungelbuch und Mary Poppins die vielleicht bekanntesten Disney-Stücke überhaupt geschrieben haben. Und letztlich zwang die weltweit erfolgreiche Kinderbuchvorlage mit ihren liebevoll ausgearbeiteten Figuren die Macher, von den üblichen Mustern abzuweichen und neue Wege zu bestreiten.

Daß Tarzan dennoch an der Kinokasse erfolgreicher sein wird, liegt an der anvisierten Zielgruppe. Während die Großproduktionen aus den Disney Studios mit eingestreuter Liebesgeschichte und haarsträubenden Action-Szenen ebenso für die ältere Generation interessant gemacht werden sollen, richtet sich Tigger Movie eindeutig an die kleinen Kinogänger. Auch wenn einige der Pointen nur von Erwachsenen verstanden werden dürften und nur diesen letztlich der Blick in die Tiefen der Charaktere gelingt, wird wohl niemand jenseits der Prä-Pubertät einen Fuß ins Kino wagen. Wer allerdings von einem jüngeren Familienmitglied dazu verdonnert werden sollte, kann sich auf einen Heidenspaß gefaßt machen. 1970-01-01 01:00
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