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Tigerland

USA 2000. R: Joel Schumacher. B: Ross Klavan, Michael Gruther. K: Matthew Libatique. S: Mark Stevens. M: Nathan Larson. P: Beau Flynn, Steven Haft, Arnon Milchan. D: Colin Farrell, Matthew Davis, Clifton Collins Jr., Tom Guiry, Shea Whigham u.a.
100 Min. Fox ab 24.5.01

Angemessene Bildgewalt

Von Sascha Seiler Hat Joel Schumacher schon einmal einen guten Film gedreht? Jedesmal wenn der Regisseur versuchte, seine Filme eine Geschichte erzählen zu lassen, die den kritischen Zuschauer aufschrecken und einen gesellschaftlichen Diskurs eröffnen sollte, hat er weniger bei der Auswahl seines Sujets, sondern eher bei dessen Umsetzung versagt.

In Falling Down untergrub er die eigentliche von ihm aufgeworfene Problematik vom gewaltsamen Aufbegehren des Individuums gegen eine erdrückende Umwelt, indem er den Protagonisten als Einzelperson darstellte, die ihre Familie – und somit ihren Stellenwert in der auf die Erhaltung der Kleinfamilie ausgerichteten amerikanischen Gesellschaft – verloren hat. Schumachers kulturkonservatives Weltbild, das sich in der Individualisierung gesellschaftlicher Mißstände ausdrückt, anstatt sie als solche zu generalisieren, wiederholte sich in 8MM, der wie schon Falling Down einen öffentlichen Diskurs entfacht, indem er ein heißes Thema aufgreift, dieses aber unverantwortlich einem im Film aufkeimenden Wunsch nach klaren gesellschaftlichen Normen und Richtlinien opfert.

Ist dies dann zwangsläufig auch bei Tigerland der Fall? Eigentlich hat der Regisseur bei seinem neuesten Projekt nur alles falsch machen können. Die Geschichte besteht lediglich aus der Darstellung eines Drill-Lagers, das Soldaten im Jahre 1971 auf ihren Einsatz im Vietnam-Krieg vorbereitet. Sich gerade an einen Stoff zu wagen, den Stanley Kubrick schon in der ersten Hälfte von Full Metal Jacket ausgeschöpft hat, ist sicher unnötig; die Bilder dazu mit der so populären, oft verwackelten Handkamera einzufangen, erweckt den Eindruck, als solle einem Film, der nichts zu sagen hat, was nicht schon zur Genüge im Kino reflektiert worden ist, ästhetische Tiefe gegeben werden. Und das in einem Militärdrama unvermeidbar scheinende Pathos keimt genau an den Stellen auf, an denen der Zuschauer seine Ergriffenheit nur noch schwer unter Kontrolle bringen kann.

Und trotzdem ist Tigerland gelungen, denn Schumacher orientiert sich erst gar nicht an Kubricks ätherischer Bildsprache, sondern schafft es gerade aufgrund seiner Handkameraästhetik tatsächlich, dem Zuschauer Nähe zu den Figuren zu vermitteln und ihn regelrecht zu einem Teil des Szenarios werden zu lassen. Der spärliche Einsatz von Musik verhindert, daß die Bilder dekontextualisiert und auf der Aussageebene in ein patriotisches Heldenpathos transferiert werden. Die Brutalität, die in jenen Bildern steckt, bleibt jedoch zu jeder Zeit präsent, mutiert aber niemals auch nur annähernd durch überzogene Grausamkeit zum Selbstzweck. Und die Geschichte des rebellischen Soldaten, der jedweges Risiko eingeht, um seine Kameraden vor dem sicheren Gang in den Tod zu bewahren, kann aufgrund ihrer Grundkonstellation gar nicht seine pathetischen und tränenrührerischen Momente verweigern, tritt aber gegenüber der Macht, welche die Bilder ausüben, angenehm in den Hintergrund.

Und gerade weil man auf den ersten Blick sofort daran denkt, daß der Vietnam-Film ein Genre aus den fernen 80er Jahren ist, das man besser auch dort zurückgelassen hätte, kann man Joel Schumacher nur dazu beglückwünschen, daß es ihm gelungen ist, es mit Hilfe einer zeitgemäßen Ästhetik erfolgreich in die heutige Zeit zu transferieren. 1970-01-01 01:00
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