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Tierra

E 1996. R,B: Julio Medem. K: Javier Aguirresarobe. S: Iván Aledo. M: Alberto Iglesias. P: Fernando de Garcillán. D: Carmelo Gómez, Emma Suárez, Silke Hornillos Klein, Karra Elejalde u.a.
125 Min. Flax ab 25.3.04

Dem Kopf entwischt

Von Christoph Pasour Eine Stimme begleitet uns durch das Weltall bis hinunter auf unseren Planeten. Wir überfliegen weites, erdiges Land, und wenn man bereit ist, sich diesem Film Julio Medems zu überlassen, wird man immer weiter vorstoßen. Man wird sich ins Erdreich vergraben, nach Wurzeln tasten und das Pulsieren der Erde hören. Vom Geist zum Körper – und zurück. Niemand spannt diesen Bogen so lustvoll wie der spanische Regisseur.

Für manchen ist Medem ein manierierter Wichtigtuer, und man muß zugeben, daß er es formal, etwa mit der Verschachtelung seiner Zeit- und Handlungsebenen und allgegenwärtiger Symbolik, ziemlich wild treibt. Seine letzten Filme Lucia und der Sex sowie Die Liebenden des Polarkreises konnten beim Hinsehen schon mal Schwindelgefühle auslösen. Soviel formale Virtuosität muß einer guten Idee zuarbeiten, damit sie sich rechtfertigen kann. Aber Medem hat gute Ideen.

Angel hat ein Ziel: Mit einem gewaltigen Tank voller Pestizide im Gepäck ein Weinanbaugebiet von der Plage der Rollasseln zu befreien. Die wühlen sich durch die Erde und nagen die Wurzeln der Rebstöcke an. Und weil sich Angel wohlfühlt beim Graben und Stöbern in dunklen Tiefen, begehrt er eine Frau wie Mari: feuerrote Haare, hautenge Lederklamotten und sexbesessen. Trieb und Instinkt als fleischgewordene Männerfantasie. Aber Angel liegt sich mit sich selbst unentwegt in den Haaren. Er hat nämlich einen Begleiter: sein zweites Ich, den Engel. Seit einem Psychiatrieaufenthalt versuchen die beiden mehr schlecht als recht miteinander klarzukommen. Und weil Namen bei Medem immer Programm sind, begehrt der Engel natürlich Angela. Sie ist rein und unschuldig und wohnt in einem einsamen Bauernhaus. Allerdings führt der Engel auch mal Angelas Hand und jagt einem Widersacher eine Ladung Schrot zwischen die Rippen. Man sollte den Vorgaben Medems daher nie trauen, denn Erwartungen werden sicher enttäuscht. Das Engelhafte und das Triebhafte sind natürlich nicht moralisch zu verstehen. Und damit gibt es keinen objektiven Grund, warum sich Angel letztlich für Angela entscheiden sollte. Die Namensähnlichkeit verspricht eine schicksalhafte Begegnung und legt doch die falsche Fährte.

So, wie sich Angel Zug um Zug seines widerspenstigen Engels entledigt, entzieht Medem den Film immer weiter der Realität: mit dem Aufbrechen narrativer Linearität, den verschwurbelten Dialogen, skurrilen Figur und einer surrealen Szenerie. Der Medem-Kosmos schlägt dem Verstand ein Schnippchen. Nur wenn man gelassen akzeptiert, daß der Film dem Kopf entwischt, ist man dort, wo einen Medem haben will: Man stößt vor zu einer überwältigenden Sinnlichkeit, die von der Liebe erzählt. Dabei ist die Liebe bei Medem nicht wie bei Wong Kar-wai in In the Mood for Love unbefleckt und unberührbar. Die Liebe spricht hier über den Körper und den Instinkt, über die zärtlichen Blicke, das Streicheln eines Nackens, den Schweiß, den wilden leidenschaftlichen Sex. Medem glaubt an die Aufrichtigkeit dieser Körpersprache, an eine Liebe, die erdgebunden ist und alles mit allem verbindet.

Der Schwindel bei Medem hat also Methode und ein Ziel. Darum sind seine formalen Spirenzchen nicht nur virtuos sondern klug. Anders ist es vielleicht auch nicht zu erklären, daß man sich hierzulande nun entschieden hat, mit Tierra, der bereits 1996 gedreht wurde, Medems dritten Spielfilm nachträglich ins Kino zu bringen. Man vertraut offensichtlich darauf, daß dieser Vorzeigeregisseur des spanischen Kinos nach der Almodóvar-Generation nun Chancen hat, hierzulande Fuß zu fassen. Außerdem paßt es in den Medem-Kosmos: nur keine Linearität. Die Gegenwart langsam über die Vergangenheit begreifen. 1970-01-01 01:00
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