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Die Tiefseetaucher

The Life Aquatic with Steve Zissou. USA 2004. R,B: Wes Anderson. B: Noah Baumbach. K: Robert D. Yeoman. S: David Moritz, Daniel R. Padgett. M: Mark Mothersbaugh. P: Life Aquatic, Touchstone u.a. D: Bill Murray, Owen Wilson, Cate Blanchett, Anjelica Huston, Willem Dafoe, Jeff Goldblum u.a.
118 Min. Buena Vista ab 17.3.05

Wes Anderson macht seltsame Filme

Von Dietrich Brüggemann Was einen sonst im Kino bei der Stange hält, die Handlung, die Figuren, was auch immer es sein mag – bei ihm findet es erst mal nicht statt. Seine Filme erzählen von Leuten, die sich mit der rätselhaften Gelassenheit einer Sphinx durch absurde Szenerien bewegen, die auf seltsame Weise so fremd erscheinen, als würden sie auf einem anderen Planeten spielen. In Rushmore waren es die Erlebnisse eines Schülers, der aus irgendeinem Grund den Vietnamkrieg als Theaterstück auf die Bühne bringen will, in The Royal Tenenbaums die Erlebnisse einer eigenartigen Familie, jetzt geht es um das Team des Meeresforschers und Dokumentarfilmers Steve Zissou, lose angelehnt an Jacques Cousteau. Bill Murray spielt ihn mit derselben Ungerührtheit, die er auch in den beiden letztgenannten Filmen an den Tag legte. Anjelica Houston ist ebenfalls wieder mit dabei, ebenso wie Owen Wilson, dessen undeutbare Gesichtszüge sich auch in diesen Wes-Anderson-Film wieder bestens einfügen. Allerdings, diese Seitenbemerkung sei gestattet, hat die eigenartige Form seiner Nase mich auch diesmal wieder nicht unerheblich von seiner Darstellung abgelenkt.

Das Team Zissou hat jedenfalls seine besten Tage hinter sich, auf der letzten Expedition wurde Steves bester Freund von einem Hai gefressen, was aber in der Filmdokumentation leider nicht zu sehen ist, und nun will Steve den Hai zur Strecke bringen. Dabei kommt er seinem Erzkonkurrenten, dem steinreichen Alistair Hennessy, in die Quere, der ein deutlich größeres, schickeres und besseres Schiff sein eigen nennt, wird von Piraten gekapert und erlebt viele farbenfrohe Abenteuer.

Und diese farbenfrohen Abenteuer sind die eigentliche Qualität des Films. Anderson versteht es, eine ganz eigene, kindlich-bunte Spielzeugwelt zu erschaffen, die sich mit seiner abseitigen Komik und der eigentümlichen Dramaturgie-Verweigerung zu einer ganz eigenen Mischung verbindet.

The Life Aquatic with Steve Zissou ist zudem eine Feier das altmodischen Filmtricks: Das gesamte Expeditionsschiff wurde als halbiertes Schnittmodell im Studio gebaut, so daß die Kamera wie an einem Puppenhaus entlangfahren und in alle Räume hineinschauen kann. Sämtliche Meerestiere sind farbenfrohe Erfindungen der Filmemacher, die nicht etwa im Computer, sondern per Puppenanimation zum Leben erweckt wurden. Auch der Meeresgrund selber sieht eher aus wie ein Aquarium, wurde auch nur zum Teil unter Wasser gedreht, teils auch auf dem Trockenen, und zwar mit einer Technik namens »Dry for Wet«, bei der Rauch und Licht den Eindruck von Wasser vermitteln sollen.

Unbestrittener Höhepunkt ist die gemeinsame Tauchfahrt, auf der am Ende alle gemeinsam sich ins U-Boot quetschen und zum ersten Mal dem Hai begegnen. Sphärische Musik von Sigur Rós, ein hinreißend animierter Hai und ein hingerissenes Darstellerensemble erzeugen zum ersten Mal so etwas wie eine tiefere Emotion. Was nicht heißt, daß der Rest des Films langweilig wäre. Es ist eher ein Hinweis darauf, wie wenig Lehrbücher wert sind: Alle Welt erzählt dem jungen Filmemacher, wie er ein Drehbuch zu schreiben hat, wie er gefälligst Emotionen erzeugen soll, wie er sich ans Handwerk halten soll. Was dabei herauskommt, sind funktionierende, aber stereotype Filme. Wes Anderson zieht dagegen ziemlich entschlossen sein eigenes Ding durch und macht Filme, die anders als die anderen sind, aber gerade in ihrer Eigenartigkeit sehr sehenswert.

Zum Schluß noch ein Gruß an die Damen und Herren von der Synchronisation, auf die hier ja sonst immer nur geschimpft wird: Der Einfall, den komplett humorlosen deutschen Ingenieur Klaus Daimler für die deutsche Fassung zum Schwaben umzuwidmen, funktioniert hervorragend. Das irritierende Erlebnis, den Hollywoodschauspieler Willem Dafoe in breitestem Schwäbisch reden zu hören, fügt sich hervorragend in das befremdliche Gesamtkonzept des Films. Bitte ab sofort mehr Mundart im Kino. 1970-01-01 01:00
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