— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Die Thuranos – Leben auf dem Drahtseil

D 2004. R,B,S,K: Niels Bolbrinker. R,B,S: Kerstin Stutterheim. M: Stefan Warmuth. P: Mediopolis.
95 Min. Neue Visionen ab 5.8.04

Ohne Netz und doppelten Boden

Von Constanze Frowein Ganz pragmatisch erklärt Roncalli-Erfinder Bernhard Paul, der Unterschied zwischen Varieté und Zirkus bestünde darin, daß in der Zirkusmanege dem Zauberer entweder alle Tricks oder die Tatsache, daß er in Wirklichkeit kein Zauberer sei, über die Schulter entlockt würden und daß auf einer kleinen Bühne wie dem Varieté keine Elefanten auftreten könnten. Elefanten gab's im Varieté dann aber doch schon.

Konrad Thurano, mit 92 Jahren der älteste aktive und dabei ganz lebendige Artist scheint solche möglich gemachten Unmöglichkeiten ganz selbstverständlich zu leben. Statt Bankberater zu werden, schloß er sich mit 15 einer Düsseldorfer Artistengruppe an, um in seinem weiteren Leben das Publikum mit seinem liebäugelnden Charme zu verzaubern und seiner atemberaubenden Artistik zu verblüffen. Um zu Kriegszeiten in Afrika seine Karriere fortzusetzen und im nächsten Atemzug eines Jahrzehnts wieder in Deutschland neu anzufangen. Weiter brachte ihn seine Leidenschaft in den damals für ihn so friedvollen mittleren Osten, weiter ins glamouröse Las Vegas.

Mit 92 scheint sein Bewußtsein nicht nur für das eigene Können, auch für sein starkes Charisma ausgeprägter denn je, und das ist einen Dokumentarfilm über das Lebenswerk der Thuranos wert. Mit seinem Sohn Johannes treibt der über sein Alter witzelnde Greis ein Bühnenspiel aus Reflexion des Vater-Sohn-Verhältnisses, dem Drahtseilakt und einem clownesken Flirt mit dem Publikum.
Der Dokumentarfilm von Kerstin Stutterheim und Niels Bolbrinker macht in liebevollen, teils extrem geduldigen Interviews deutlich, wie der alternde Akrobat sich nicht der Peinlichkeit preisgibt, den Erfolg über sein hohes Alter zu erheischen. Seine Anziehungskraft lebt aus einer seltsam heterogenen Mischung aus Lebensfestigkeit und Traumwelt.

Wo also war die Lokalpresse während der Düsseldorfer Pressevorführung, um der Erinnerung an regionale Schätze wie die einzigartige Varietéfamilie einen angemessenen Ehrenplatz verschaffen zu können? 1970-01-01 01:00

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #35.
© 2012, Schnitt Online

Sitemap