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Thumbsucker

USA 2004. R,B: Mike Mills. K: Joaquin Baca-Asay. S: Angus Wall, Haines Hall. M: Tim DeLaughter. P: This is That, Cinema Go-Go Prod., Bullseye. D: Lou Taylor Pucci, Tilda Swinton, Vince Vaughn, Vincent D'Onofrio u.a.
96 Min. Stardust ab 5.10.06

Suck My Thumb!

Von Daniel Bickermann Ein weiser Mann behauptete einmal, die Pubertät wäre nichts weiter als eine Eingewöhnungsphase. Das Leben würde danach keineswegs leichter, unkomplizierter oder erträglicher werden, der ganze Quatsch würde einem mit der Zeit nur einfach scheißegal werden. Alle guten Filme übers Erwachsenwerden, von The Graduate bis Fucking Åmål haben einen Gedanken dieser oder ähnlicher Art inkorporiert, und so macht es auch Thumbsucker. Und so macht er es auch richtig.

Es gibt einen simplen, aber immer noch originellen Kniff, um in einem solchen Szenario das Erwachsenwerden zu signalisieren: Die jugendliche Hauptfigur, dringend bedürftig, seinem Status als offensichtlicher Freak der Gesellschaft zu entfliehen, erkennt nach und nach, daß die scheinbar so nachahmenswerten Erwachsenen hinter ihrer abgeklärten Fassade auch nur lallende Freaks sind, die planlos durch eine gemeine Welt wackeln. Nicht durch eine Veränderung oder Reifung seines Wesens, sondern allein durch diese Erkenntnis ist er zugehörig, eins mit der Welt.

In unserem Fall heißt der Protagonist Justin und hat ein echt fieses Los erwischt: Er ist Daumenlutscher, und als er deswegen Psychopharmaka kriegt, wird er erst zum nervigen Streber unter Dauerstrom, dann zum aggressiven Drogenmenschen. Und das sind nur die ersten von sieben oder acht Wendungs- und Höhepunkten, die er durchlaufen muß vor seiner finalen Erkenntnis, daß sein Bruder genauso abseitige Schicksalswege durchlaufen muß wie er selbst, daß sein Vater auch nur versucht, sein freundliches Leben von einem Tag in den nächsten zu retten, und daß die intime Beziehung seiner Mutter zu einem Fernsehserienschauspieler ebenfalls eher abwegige als romantische Züge aufweist. Als dann auch noch seine scheinbar so perfekte und ausgeglichene Freundin hart auf dem Boden der Realität (und der Drogen) aufschlägt, merkt Justin verwundert, daß er sich angekommen fühlt in der eigenen Familien- und im generellen Erwachsenenleben. Was ist unter solchen Freunden und Verwandten schon das bißchen Daumenlutschen?

Regisseur Mike Mills hat bei seinem Spielfilmdebüt das Genre nicht neu erfunden oder gar transzendiert, gerade technisch und stilistisch beruft er sich auf den unaufdringlichen Realismus, der schon bei The Squid and the Whale zum Einsatz kam (und der in seiner tranquilen Einfachheit schon damals ein wenig an die Bergmanschen Familienszenarien erinnert hat). Das Klauen von den Besten sollte Mills aber nicht zum Vorwurf gemacht werden, gerade, da er mit diesen Mitteln sein Ziel, eine ernsthafte, aber niemals stilisierte Atmosphäre zu schaffen, durchaus erreicht. Thumbsucker wächst heran zu einem bemerkenswert ehrlichen, berührenden und unterhaltsamen Familiendrama, das vor allem durch Mills’ ungewöhnlich strukturiertes Drehbuch besticht. Dieses schlägt mit mindestens sieben Akten und vier Nebenhandlungen regelrechte Dramaturgie-Purzelbäume, ist genau deswegen aber so realistisch auf das Leben eines Heranwachsenden zugeschnitten: Hundert Probleme schlagen scheinbar gleichzeitig zu, drängen andere in den Hintergrund, die dann aber wieder aktuell werden, wenn man sie gerade vergessen hat. Zwischendrin gibt es keine Zeit zur Erholung.

Da durch diese weite Streuung der Konzentration eine ganze Reihe von Charakteren viel Zeit und Gelegenheit zur Entfaltung bekommen, hat sich die Crème der Indie-Schauspieler offenbar nur so um das Projekt gerissen. Den Zuschlag bekamen letztlich die auf höchstem Niveau immer verläßlichen Tilda Swinton und Vincent D’Onofrio als Elternpaar mit vielschichtiger Beziehung, sowie ein angenehm abgedrehter Keanu Reeves als struppiger Hippie-Zahnarzt und ein angenehm un-abgedrehter Vince Vaughn als ehrgeiziger Klassenlehrer. Allesamt nutzen sie ihre Chance, neben einigen ebenfalls auffällig guten Jungschauspielern als Ensemble zu glänzen.

Im Fahrwasser typischer Indiedramen der Generation Sundance (wo der Junge Lou Taylor Pucci ebenso wie auf der Berlinale mit dem Darstellerpreis geehrt wurde) wie Welcome to the Dollhouse oder In the Bedroom ist Thumbsucker ein weiteres Highlight der unangepaßten Filmemacher, die über unangepaßte Familien schreiben. Und ein Aufruf an den Freak in jedem von uns. 1970-01-01 01:00

Abdruck

© 2012, Schnitt Online

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