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Thomas Pynchon – A Journey into the Mind of P.

D/SUI 2001. R,B,P,S: Fosco Dubini, Donatello Dubini. M: The Residents. P: ZDF, arte.
90 Min. Real Fiction ab 6.12.01

Pynchon was here

Von Sascha Seiler In seinem ersten Roman »V« beschreibt Thomas Pynchon die Suche nach einem Enigma, die minutiöse Konstruktion und gleichzeitige Dekonstruktion einer weltumspannenden Verschwörungstheorie. Die Möglichkeit der Existenz einer Gegengesellschaft, die aus einem unsichtbaren Untergrund heraus agiert und deren Regeln und Strukturen der uns bekannten, »sichtbaren« Gesellschaft diametral entgegenstehen, ist seit jeher das zentrale Motiv im literarischen Werk des Amerikaners. Das Pynchon'sche Posthorn ist in Anlehnung an seinen Kurzroman »The Crying of Lot 49« für den intellektuellen Underground im Amerika der 60er und 70er Jahre zum Symbol für die Existenz von Substrukturen in der Gesellschaft geworden, die sich unsichtbar und ohne unser Wissen entfalten und gedeihen.

Die detektivische Suche nach der Entschlüsselung des Enigmas ist etwas, das die Figuren Pynchons mit den Lesern seiner Romane teilen, denn der Autor stellt den Leser durchgehend vor intellektuelle Rätsel, deren Lösung – und das ist tatsächlich eine Ausnahmeerscheinung in der Literatur des 20. Jahrhunderts (nehmen wir mal Jorge Luis Borges beiseite) – weniger auf der inhaltlichen als vielmehr auf der formalen Ebene seiner Romane zu finden ist. In seinem Opus Magnum »Gravity's Rainbow« ist die Flugbahn einer V2-Rakete Thema des Romans, der nur unter Berücksichtigung der genauen Flugdaten eben jener V2-Rakete zu verstehen ist, da seine Struktur sich an dieser orientiert.

Der Autor selbst ist allerdings ein Enigma, das mindestens so groß ist, wie das der Bedeutung seiner Bücher. Niemand scheint viel über ihn zu wissen, es gab noch nie einen öffentlichen Auftritt, das einzige existierende Foto (das tatsächlich oft noch den Rücken seiner Bücher ziert) ist ein Marinefoto aus den frühen 50er Jahren, das sehr verschwommen einen 20-jährigen Thomas Pynchon zeigt. Man weiß, daß er in Cornell unter Vladimir Nabokov Literatur studierte und Anfang der sechziger Jahre eine Weile in Mexico City verbracht hat. Was ist der Grund seines Verschwindens? Warum lebt hier ein Autor das an eigenem Leibe vor, was andere zeitgenössische Autoren wie Paul Auster oder Don DeLillo nur theoretisch abhandeln: Das Verschwinden, die Unsichtbarkeit als Nährboden für Verschwörungstheorien.

Vielleicht gibt es Thomas Pynchon gar nicht. Vielleicht ist er ein wissenschaftliches Forschungsprojekt der University of Cornell, in dem es einem Autorenkollektiv gelungen ist, nicht nur eine Fiktion des Werkes, sondern auch eine Fiktion des Autors zu schaffen? Oder gibt es Spuren, Beweise oder gar eine Fährte, die zu der wirklichen Person, dem Menschen hinter den Büchern führt. Es ist wohl nicht damit zu rechnen, in dieser Dokumentation erstmals das wahre Antlitz des Autors vor der Kamera erscheinen zu sehen. Und was sieht man stattdessen? Wo beginnt die Spur, die zu einer partiellen Entschlüsselung des Rätsels ›Thomas Pynchon‹ führt?

Der Film bietet leider keine Antworten. Aber das kann er auch nicht. Also pendelt er sich zwischen der Thematisierung Pynchon'scher Paranoia und der Suche nach dem Phantom ein, ohne zu einer Lösung zu kommen. Allein die letzten zwanzig Minuten des Films setzen sich mit der bisher einzigen Sichtung Pynchons im Jahre 1997 auseinander und der Zuschauer erkennt auf den verschwommenen Videoaufnahmen einen amerikanischen Durchschnittsbürger mit roter Baseballkappe. Die Internet- Verschwörungstheorie- Paranoia- Freaks sehen ein Ende des Rätsels, der Abschluß eines Hyperspiels zwischen Text und Realität, ein Ende der Paranoia und auch ein weiterer Schlußpunkt unter den revolutionären Geist der 60er Jahre. Warum eigentlich? Pynchon lieferte im Jahre 1990 mit »Vineland« schon seinen eigenen Abgesang auf die Hippie-Ära und das 1997 erschienene »Mason & Dixon« war ein historischer Wälzer, fernab von Raketenflugbahnen und dem allumfassenden Enigma, »V«.

Was wissen wir nach der Reise in den Kopf von Thomas Pynchon? Genauso wenig wie zuvor. Das Versteckspiel wird weitergehen. Thomas Pynchon wird auch nach seinem Tod gesichtet werden. Thomas Pynchon ist der Elvis Presley des intellektuellen Amerikas. 1970-01-01 01:00
© 2012, Schnitt Online

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