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The Yards

USA 1999. R,B: James Gray. B: Matt Reeves. K: Harris Savides. S: Jeffrey Ford. M: Edward Shearmur, Howard Shore. P: Miramax. D: Mark Wahlberg, Joaquin Phoenix, Charlize Theron, James Caan, Ellen Burstyn, Faye Dunaway u.a.
115 Min. Kinowelt ab 21.6.01
Von Matthias Grimm Aus der dunklen Tiefe des U-Bahn-Schachtes kommt die Kamera zu Beginn, mit ihr Mark Wahlberg aus dem Gefängnis. In die Dunkelheit wird er bald wieder verschwinden, diesmal auf der Flucht vor einem Verbrechen, das er nicht begangen hat. Schuld daran sind – natürlich – die Umstände, denn im Grunde ist sein Charakter Leo ein braver Bursche, der ein »produktives Mitglied der Gesellschaft« sein möchte – und für seine kranke Mutter sorgt. Ja, wenn der amerikanische Moralkonsens etwas von den Werten der italienischen Mafia gelernt hat, dann den, die Familie zu ehren. Was dabei übersehen wird, ist, daß sich die Familie fast ausschließlich über Kriminalität definiert und somit zwar beste Voraussetzungen für Loyalität und Solidarität bietet, aber denkbar schlechte für einen braven Burschen. Ehrlichkeit zahlt sich nunmal nicht aus, und so braucht der Film seine 115 Minuten, bis endlich klar ist: Ehrlichkeit ist schon Belohnung genug. Aha. Dann weiß auch Leo, daß Familie ja ganz schön ist, aber bitte ohne sizilianische Machtstrukturen.

Die Geschichte vom Aussteiger, dem der Neuanfang durch Umfeld und Vergangenheit verwehrt wird, ist nicht neu, und so ist es umso ärgerlicher, daß James Gray keine Möglichkeit gefunden hat, sie auf entscheidende Weise neu zu erzählen. Schnitt und Kamera bleiben gänzlich uninspiriert: Wenn die Protagonisten im Halbschatten über ihre gespaltene Moralauffassung fabulieren und durch Düsternisse wandern, wirkt dies mitunter intelligent, mutiert aber zum überstrapazierten Versatzstück, was am besten daran zu erkennen ist, daß bereits das Filmplakat sich dieses Effektes bedient. Vielleicht hätte Regisseur James Gray lieber Hörspiele inszenieren sollen, denn auf der Tonspur findet der Film seine wahre Stärke: Sprache und Geräusche gehorchen nur so weit wie nötig dem Realismus, darüber hinaus konstruiert Gray eine Realitätsebene, aus deren Subjektivität er genau die Spannung zieht, die er mit Bildern nicht erreicht. Als Leo einen Einbrecher in seinem Haus bemerkt, herrscht plötzlich Totenstille, nur benommenes Rauschen vernebelt die angestrengten Sinne, bis der Täter Minuten später mit einem lauten Schuß gestellt ist.

The Yards versucht, geschickt mit den Grauzonen von Gut und Böse zu spielen, tappt aber zu häufig in die Fallen der stereotypen Moralisierung. Auch wenn die Fronten mehrmals verschoben werden, sind es letztlich nur Masken, die fallen, keine Farben, die verwischen. Am Ende versinkt Joaquin Phoenix in Dunkelheit – als Opfer der Umstände versteht sich. Mark Wahlberg dagegen darf wieder U-Bahn fahren. 1970-01-01 01:00
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