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The Weather Man

USA 2005. R: Gore Verbinski. B: Steve Conrad. K: Phedon Papamichael. S: Craig Wood. M: James S. Levine, Hans Zimmer. P: Escape Artists. D: Nicolas Cage, Hope Davis, Michael Caine, Nicholas Hoult u.a.
102 Min. UIP ab 2.3.06

Ich bin Fast Food

Von Maike Damm Element der Nachrichten Millionen von Zuschauern mit freudiger Spannung vor den Fernseher, und damit sollte auch dem Wetteransager als journalistischer Person mit Weitblick ein gebührendes Ansehen in der Nation gewährt sein. The Weather Man alias Nicolas Cage hingegen kämpft gegen ein meuterndes Publikum, das ihm statt Anerkennung Spott und Hohn entgegenbringt.

Um sich herum läßt er alles geschehen, wie es kommt – und tut es dem Inhalt seiner Profession, dem Wetter, gleich. Die Trennung von seiner Frau, das Übergewicht seiner Tochter sowie die Drogenprobleme seines Sohnes und der baldige Tod seines Vaters beherrschen seine Gedanken und lassen ihn in seiner Hilflosigkeit und Passivität erstarren. Scheinbar ziellos fährt er durch das graue Naßkalt Chicagos und stiert apathisch durch die Windschutzscheibe seines Autos. Wie der Wetterfrosch im Einmachglas betrachtet er seine Außenwelt und läßt die Zeit vergehen.

Diese abwartende Grundhaltung wird in den 102 Minuten Film auch dem Zuschauer auferlegt. Wir beobachten einen tragischen Protagonisten bei seiner Selbstfindung, die sich ohne ein Schlüsselerlebnis leise in sein Leben schleicht. Die Gedanken der Hauptfigur dokumentieren die ruhigen und langsamen Bilder. Mit monotoner Stimme erzählt uns Dave von sich, seiner zerrütteten Familie und seinem Versagen. Das konsequente mechanische Klackern wie das einer schnell laufenden Bahnhofsuhr im Hintergrund verrät uns, daß die Zeit läuft, der Zug für ihn abfährt, es an der Zeit ist, etwas zu unternehmen, einzuschreiten. Der Zuschauer reagiert mit Nervosität, während Dave in selbstzweifelnder Erstarrung verharrt.

Die grauen Bilder um den Protagonisten fügen sich zu einem Drama zusammen, das gelegentlich durch ironiegetränkte Szenen unterbrochen wird. So findet Dave immer wieder Kraft in einer bunten Vision, in der er sich als erfolgreicher Moderator der Frühstückssendung »Hello America!« in einer schillernden Medienwelt sieht, in der Probleme und Komplexe keinen Platz finden.

Stattdessen ist sein Job die Vorhersage des Wetters, doch fühlt er sich dazu ohne Studienabschluß in Meteorologie nicht befähigt. So tänzelt er für die Zuschauer vor dem Blue Screen und erzählt von Winden oder vielmehr von heißer Luft. Diese Vorstellung wird mit Fast Food-Wurfattacken auf offener Straße gedankt. »Warum das alles?«, fragt er sich und beginnt, über sich selbst zu reflektieren. Ist er ein Clown? Clowns werden mit Torten beworfen. Man ist, was man ißt. Oder ist man, womit man beworfen wird? Fast Food – eine tote Substanz ohne Nährwert? Die Gedanken rasen, und das nervöse Klackern im Hintergrund kommt dem Rattern von Gehirnwindungen gleich. Das Denken treibt an, bringt ihn voran. Und endlich tritt der Prozeß der Selbstfindung dann in seine Endphase, und aus Kognition wird Aktion. Der kleine Anfang ist ein neues Hobby – das Bogenschießen, für das er sich ein vollkommen neues Verhaltensmuster aneignen muß, das durch drei Schritte bestimmt wird: Wahrnehmung der Umgebung, Konzentration auf ein Ziel und Aktion. Ganz bewußt überträgt er diese Formel auf sein Leben. Er durchbricht das Eis der Selbstzweifel, das ihn hat erstarren lassen, und seine unbeholfene Ziellosigkeit schwindet. Er konzentriert sich auf das Wesentliche und trifft ins Schwarze.

Diese Formel scheint sein Leben in gerade Bahnen zu lenken. Er geht seine und die Probleme seiner Familie an, sucht nach Lösungen und findet dabei einen neuen Zugang zu sich selbst. Die veränderte Einstellung zu seiner eigenen Persönlichkeit bewirkt eine veränderte Reaktion anderer auf seine Person. Er wird sich seiner Selbstwirksamkeit bewußt und stößt auf Akzeptanz bei Familie und Publikum. Die allerweltspsychologische Botschaft, die hinter der Selbstfindung des »Weather Man« steckt, beraubt den Film keineswegs seiner Vielschichtigkeit und Tiefgründigkeit. Vielmehr bieten seine verworrenen Gedanken und angedachten Theorien dem Zuschauer reichlich Raum für Eigeninterpretation und Selbstreflexion.

Allein die gesellschaftliche Stellung des Wetteransagers bleibt einseitig beleuchtet und findet nicht die gebührende Achtung, denn: Wo kämen wir hin ohne die erfreulichen Botschaften des Wetteransagers über sommerliche Höchsttemperaturen oder winterlichen Schneefall nach all den bedrückenden Beiträgen über Krieg und Leid auf unserem Planeten, von denen uns der Nachrichtensprecher berichtet? 1970-01-01 01:00

Abdruck

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