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The Village – Das Dorf

The Village. USA 2004. R,B: M. Night Shyamalan. K: Roger Deakins. S: Christopher Tellefsen. M: James Newton Howard. P: Touchstone Pictures, Blinding Edge. D: Bryce Dallas Howard, Joaquin Phoenix, Adrien Brody, Sigourney Weaver u.a.
108 Min. Buena Vista ab 9.9.04

Von drauß’ vom Walde

Von Daniel Bickermann Mal ganz ehrlich – wann saß man das letzte Mal in einem Multiplex und wußte nicht vorher, wie der Film ausgehen würde? Man hatte Kritiken gelesen und Interpretationen; man hatte Trailer gesehen, die die gesamte Handlung im Schnelldurchlauf erzählen; und man war am Plakat vorbeigelaufen, auf dem zwei Superstars sich angrinsten, also werden die beiden wohl nicht nur überleben, sondern sich ziemlich sicher am Schluß auch kriegen. Vermutlich saß M. Night Shyamalan Anfang der 90er in einem amerikanischen Kino und hat sich ganz schrecklich gelangweilt. Und beschlossen, etwas dagegen zu unternehmen.

Langsam bildet sich ein Muster im Werk des indisch-amerikanischen Wunderkindes, inzwischen erscheinen seine fiebrigen Phantastereien nicht mehr ganz so außerirdisch. Was nicht bedeutet, daß Shyamalans Filme nicht weiterhin voller Widersprüche stecken würden. Sie sind langsam, ohne behäbig zu wirken, kunstvoll, ohne elitär zu werden, low-budget, aber groß vermarktet. Die Filme fallen ins Horrorgenre, kommen jedoch ohne alle Schockeffekte aus und arbeiten statt dessen subtil und atmosphärisch (der Film verdient die althergebrachte Bezeichnung »Grusel«). Der Regisseur verweigert sich sowohl traditionellen Konventionen als auch aktuellen Moden, seine Drehzeiten sind kurz und unaufwendig, visuelle Effekte sind nicht nötig, trotzdem atmet das fertige Produkt mit jedem Bild den Duft edelster Qualitätsware.

Und der Ehrgeiz hinter den Bildern ist weiterhin beängstigend. Shyamalan will seine Vorbilder Hitchcock und Spielberg beerben, nicht als unterwürfiger Zitierer, sondern als gleichwertiger Filmemacher, und man weiß nicht, ob man sich vor dieser Schamlosigkeit verneigen soll oder sie ihm doch lieber ausreden – denn, um das eigentlich Schockierende endlich einmal auszusprechen: Dieser Mann hat tatsächlich das visuelle Genie, um dem Vergleich mit den Allergrößten standzuhalten. Zusammen mit Roger Deakins, dessen zärtlich-dämmrige Lichtstimmungen den Eintrittspreis für diesen Film allein schon wert sind, schwelgt er in den vielleicht schönsten Farbtönen und Bildkompositionen, die wir dieses Jahr zu sehen bekommen werden. Zudem hat sich Shyamalan sehr früh den Ruf eines Schauspielerregisseurs erworben, so daß wir auf der Leinwand einige der besten Darsteller Hollywoods bewundern dürfen, zusammen mit der bemerkenswerten Neuentdeckung Bryce Dallas Howard.

Aber nachdem alle anderen Bereiche so nahe an der Perfektion gebaut sind, hängt die Qualität dieses Films – wieder einmal – am Drehbuch. Das Drehbuch, Shyamalans große Leidenschaft und sein großes Laster, es war von jeher der Punkt, mit dem er sein Publikum gespalten hat. Spätestens nach dem dritten Akt, in dem er immer wieder seine eigenwilligen Überraschungen serviert, will die eine Hälfte des Publikums aufspringen und applaudieren, während die andere sich betrogen fühlt und wütend aus dem Saal stürmt. Das Buch zu The Village nun ist ihm glücklicherweise etwas besser geraten als sein verlockender, aber letztlich verschenkter Plot zu Signs, und deswegen ist auch The Village ein besserer Film geworden, der nicht nur mit überraschendem Protagonistenwechsel und verblüffenden narrativen Taschenspielertricks protzt, sondern tatsächlich auch Nachdenklichkeit, Ambivalenz und Wahrheit bietet.

The Village war ein großer finanzieller Erfolg für Shyamalan, und man kann nur hoffen, daß er jetzt nicht denkt, er wäre angekommen. Denn es reicht nicht, es reicht bei weitem noch nicht. Noch immer will Shyamalan zu viel mit seiner Geschichte, geht zu weit, umkurvt zu viele Ecken und geht enorme Umwege, wird an manchen Stellen viel zu deutlich und läßt anderswo seine Absichten verschwimmen, verfängt sich immer wieder im Gestrüpp von zu mächtigen, verästelten Ambitionen. Er wird auch mit diesem Film sein Publikum spalten. Sicher, der Mann hat wunderbare Träume, die es durchaus wert sind, das Licht der Leinwand zu erblicken. Man wünscht sich nur, er würde es Spielberg nachtun und sich professionelle Autoren engagieren, die in diesen Träumen das Überflüssige und das Unübersichtliche streichen würden und dafür das Gelungene, Kompakte herausheben. Denn Shyamalan hat auch hier wieder erstaunliche, sehr verstörende und überraschend moderne Gedanken über Moral, über Zivilisation und über Historie – es ist nur etwas mühsam, sie sich selbst aus den sperrigen Dialogwindungen herauszukratzen.

Trotzdem: ein Film, dessen stille Intelligenz und moralische Vieldeutigkeit überrascht, der lange nachwirkt, der noch wochenlang immer wieder ins Gedächtnis springt und in der Rücksicht immer besser wird. Ein widersprüchlicher Film, aber einer, den man gesehen haben sollte. Vor allem, weil man keine Ahnung hat, wie er ausgeht. 1970-01-01 01:00
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