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The Statement

CDN/GB 2003. R: Norman Jewison. B: Ronald Harwood. K: Kevin Jewison. S: Andrew Eisen, Stephen Rivkin. M: Normand Corbeil. P: Robert Lantos, Serendipity Point Films u.a. D: Michael Caine, Tilda Swinton, Jeremy Northam, Alan Bates u.a.
120 Min. Universum ab 23.6.05

French Connection

Von Dietrich Brüggemann Eigentlich ist es interessant, wie das amerikanische Kino, auch das unabhängige, sich komplett aus Europa heraushält (zumindest, solange es nicht um Kostümfilme geht). Erst wenn man einen Film wie diesen sieht, fällt auf, daß so etwas tatsächlich nicht oft gemacht wird – ein amerikanischer Regisseur erzählt eine europäische Geschichte, in diesem Fall in Frankreich angesiedelt, mit internationaler, also englischsprachiger Besetzung. Seine volle Absurdität wird dieses Vorgehen vermutlich erst in der französischen Synchronisation entfalten, aber schon so ist es etwas irritierend, sich Michael Caine als französischen Nazikollaborateur zu denken oder Tilda Swinton als Pariser Richterin zu akzeptieren.

Davon abgesehen ist es mal wieder der Nationalsozialismus mit seinen Folgen, der uns hier beschäftigen wird – vermutlich das einzige genuin europäische Thema von wirklich globalem Rang.

Pierre Brossard war unter der Vichy-Regierung verantwortlich für den Tod einiger Unschuldiger, doch fast 50 Jahre nach dem Kriegsende führt er unbehelligt und unter dem Schutz der katholischen Kirche in Frankreich ein geruhsames Leben. Bis zwei Dinge passieren: Eine mysteriöse Untergrundbewegung verübt einen Anschlag auf ihn, und eine Gesetzesänderung ermöglicht doch noch eine Strafverfolgung. Von nun an ist Brossard stets auf der Flucht und die Verfolger stets knapp auf seinen Fersen.

Norman Jewison, einer der Altmeister des amerikanischen Kinos, entstammt noch der Generation, die in den 50er Jahren ihre Karriere beim Fernsehen begann, dann zum Film wechselte und einen neuen Realismus mitbrachte. Mit The Statement hat er einen seltsamen Zwitter gedreht – einen Thriller ohne Thrill, dem man über die ganze Länge folgt, ohne übermäßig begeistert oder von den Figuren angetan zu sein, der aber dennoch eine irgendwie eigene Atmosphäre erzeugt. Die Story ist nicht so stringent, daß atemlose Spannung sich breitmachen würde, auch die moralisch unterfütterte Pflichtbetroffenheit, die viele Nazi-Filme vor sich hertragen, steht eher im Hintergrund, wenn man mal von einer eher peinlichen Schwarz-Weiß-Rückblende absieht. Der Protagonist wird gejagt, und zwar völlig zu recht, besonders sympathisch ist er ohnehin nicht, doch auch seine selbstgerechten Strafverfolger taugen nicht so recht zur Identifikationsfigur. Und die katholische Kirche muß mal wieder für alles mögliche herhalten.

Was bleibt, ist eher die Stimmung. Vielleicht ist es ein Frankreich, das uns das französische Kino nie gezeigt hat, der interessierte Blick des Ausländers, der einem Land auf einmal ganz andere Seiten abgewinnt. Truffaut und Godard, Ozon und Tavernier sind auf einmal ganz weit weg, wir sehen einen nüchtern-zurückhaltenden, britisch-unterkühlten Polizeifilm – und zwar unter der Sonne Südfrankreichs. Das bringt seine ganz eigene Faszination mit sich. 1970-01-01 01:00
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