The Science of sleep

La Science des rêves. F 2006. R,B: Michel Gondry. K: Jean-Louis Bompoint. S: Juliette Welfling. M: Jean-Michel Bernard. P: Partizan. D: Gael García Bernal, Charlotte Gainsbourg, Alain Chabat, Miou-Miou u.a.
105 Min. Prokino ab 28.9.06

Der Spieltriebtäter

Von Kyra Scheurer Lange bevor das Wort »Problembär« die Medienlandschaft bereicherte, sah man einen überdimensionalen Stoffbären zu Björks eindringlichem Gesang durch den Wald eines Musikclips des Regisseurs Michel Gondry tappen und an Human Behaviour leiden. Seinem realen Artgenossen nicht unähnlich erobert sich nun auch dieser Bär andere Spielwiesen: Das neue Gondrysche Bärenfeld heißt The Science of Sleep und ist ein warmer, schöner Film zwischen Drama und Komödie voll surrealen Humors, aber auch reich an Slapstick und scharfem Dialogwitz.

Vor allem aber ist diese recht handlungsarme Geschichte des jungen Träumers Stéphane eine detailverliebte Ausstattungsorgie, die allein ihr stimmiges Timing und ihr Facettenreichtum der kreativen Einfälle vor putziger Manieriertheit bewahrt: Hemmungslos werden Filz, Wellpappe, Watte, Zellophan und Tonpapier zu einer kindlichen Stop-Motion-Collage mit dem Charme altmodischer tschechischer Trickfilme verarbeitet, mischen sich sinnliche Materialien und poetische Alltagsfundstücke à la Die fabelhafte Welt der Amélie mit modernster Computeranimation und Montageloops – gemeinsam erschaffen sie eine neue Welt, das Unterbewußtsein des Protagonisten, und prägen gleichzeitig das Gesicht der realen Filmhandlung.

Was ist aber was? Denn im Vergleich zu seinem letzten Film, dem dramaturgisch ausgefeilteren Charlie-Kaufman-Projekt Eternal Sunshine of the Spotless Mind, in dem der Protagonist aus dem Traum heraus für seine Realität kämpfte, treibt Gondry den Irrealismus nun noch ein Stück weiter und läßt die von Gael García Bernal zwischen verschmitzt und verstört angelegte Hauptfigur Stéphane beide Ebenen bis hin zum Pathologischen vermischen. Daß dieser Hang zur kreativ-somnambulen Weltflucht Stéphanes zarte Bande zur ähnlich gepolten Nachbarin Stephanie (spröde-schön: Charlotte Gainsbourg) stark belastet, ist verständlich. Der Zuschauer jedoch kann in erster Linie den großen Spaß an der fantastischen Reise in die Welt unbewußter Sehnsüchte genießen – wer mag, fügt dem Seelenschmunzeln und gelegentlichen lauten Lachen noch die Freude des intellektuellen Rätselratens hinzu und ergötzt sich am eleganten Spiel des Films mit der freudianischen Traumdeutung.

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #43.

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