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The Saddest Music in the World

CDN 2003. R,B: Guy Maddin. B: Kazuo Ishiguro. K: Luc Montpellier. S: David Wharnsby. M: Christopher Dedrick. P: Buffalo Gal Pictures. D: Isabella Rossellini, Mark McKinney, Maria de Medeiros, David Fox u.a.
101 Min. Weltecho ab 7.12.06

Die schönsten Beine der Welt

Von Maike Schmidt Dieser Film nimmt sich viel vor. Er will Stummfilm, Musikfilm, Drama und schräger Trash in einem sein. Und er ist Stummfilm, Musikfilm, Drama und schräger Trash in einem. Man mag nicht trennen zwischen den Genres, oder, was wohl angebrachter ist, man kann nicht trennen. Vom Stummfilm die Ästhetik, ob der live-performten Musiksequenzen ein Musikfilm, die Handlung birgt Dramatik, und im Ganzen betrachtet ist das alles wahnsinniger Trash.

Das fängt an mit dem Plot: Es sind schwere Zeiten, die ein kleines Dorf am Rande der kanadischen Grenze, durchzustehen hat. Arbeitslosigkeit, Prohibition und ein langer, kalter Winter. Ein kleines Lokal am Ende dieses Dorfes möchte dem trotzen. Um dem allgemeinen Unmut nicht noch mehr entgegenzukommen und um das Geschäft ein bißchen anzukurbeln, wird von der Besitzerin zu einem Lieder-Wettbewerb aufgerufen. Und da in diesem kleinen Lokal Alkohol ausgeschenkt werden darf, strömen die Menschen aus aller Herren Länder in dies verschneite Dorf am Rande Kanadas. Organisatorin ist Lady Port-Huntley, die sich mit diesem Contest auf die Suche nach der traurigsten Musik der Welt machen will.

Die Idee kommt nicht von ungefähr – denn Lady Port-Huntley ist keine glückliche Frau. Ein Unfall hat ihr beide Beine genommen, und auch wenn sie viel erreicht hat, so bleibt doch der Verlust präsent, und in der Unwiederbringlichkeit des Geschehens steht er über Geld, folgsamen Liebhabern und Macht. Auf Kissen gebettet thront sie über allem, Kontrolle bestimmt ihr Leben und gleicht aus, was sie zur ganzen Frau macht. Ihr Verlust soll am Ende des Films dann aber tatsächlich zu einer faßbaren Größe heranwachsen, indem der Mann, der sie liebt, ihr Beine aus Glas fertigt, die, mit Bier gefüllt, Lady Port-Huntley einen extraordinären Auftritt im Stehen bietet.

Das ist ein Bild, das sich ins Gedächtnis brennt, und es wirkt ob der Stummfilmästhetik wie das erste Mal, daß man völlig Absurdes auf der Leinwand geboten bekommt. Zugegebenermaßen werden hier Grenzen des Fantasievoll-Abstrusen gesprengt, doch gerade Isabella Rossellini, die hier wiedermal ihren Hang zu merkwürdigen Charakteren bedient, hat schon Ähnliches auf der Leinwand geboten – man mag nur an Davis Lynchs Blue Velvet denken. Und hier am Ende nimmt der Film dann seinen Höhepunkt, wenn aus der Froschperspektive die Kamera – auf die sich feiern lassende Rossellini gerichtet – langsam an ihrem Körper herunterwandert und auf den Glasbeinen verweilt, die ihrer fragilen Substanz nicht stand halten können und nach einigen ersten feinen Rissen mit einer ungeheuren Explosion zerbersten.

Die Frage nach filmischen Vorlieben stellt sich für diesen Film nicht, denn er scheut vor nichts zurück und stellt sich letztlich als wilder Mix zwischen den Genres heraus, der zwischen Hommage und Zertrümmerung irgendwo seinen eigenen Platz finden kann. Dies mag auf den ersten Blick irritieren, stellt sich aber im Grunde als Bereicherung heraus, wenn man bereit ist, seine Erwartungen fallen zu lassen und wenn man den Film das machen läßt, das er wohl machen muß. Sonst, das muß wohl so gesagt werden, wird man enttäuscht nach Hause gehen und den letzten Punkt der Liste allzu ernst nehmen: Das ist alles Trash. Wohl wahr, aber eben nicht alles. Im Grunde wird ihm keine der Beschreibungen allein gerecht, weswegen der Film schon an diesem Punkt aus gängigen Leinwandspektakeln heraussticht.

Und für alle Freunde der wunderbaren Isabella Rossellini wird dieses halluzinatorische Musik-Drama eine filmische Reise der ganz intensiven Sorte. Und auch, wenn das Bild, das man sich nach diesem kurzen Einblick von dem Film machen könnte, ein völlig falsches sein dürfte und jedwede Erwartung, die sich aufbaut, enttäuscht werden wird, so geht man doch befriedigt aus dem Kino – und wann hat man das schon, enttäuscht zu werden und trotzdem guter Dinge zu sein? 1970-01-01 01:00
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