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The Raspberry Reich

D 2004. R,B: Bruce LaBruce. K: James Carman. S: Jörn Hartmann. P: Jürgen Brüning Filmproduktion. D: Susanne Sachße, Daniel Bätscher, Gerrit, Joeffrey, Andreas Rupprecht, Dean Stathes, Anton Z. Risan u.a.
90 Min. GMfilms ab 1.4.04

Homosexuelle Intifada

Von Frank Brenner Bruce La Bruce ist ein Provokateur allererster Klasse. Mit Filmen wie Hustler White und Skin Flick hat er schwulen Porno und Sex im Spielfilm thematisiert und sich auch visuell kaum zurückgehalten. Sein neuester Film wurde in Berlin gedreht und hat sich eines deutschen Phänomens angenommen, das gerade in jüngster Zeit wieder in anderem Zusammenhang das politische Weltgeschehen dominiert: Terrorismus. Im Deutschen Herbst der späten 70er Jahre, in dem die Rote Armee Fraktion mit ihren Helden Gudrun Ensslin und Andreas Baader das Land in Atem hielt, sehen die Protagonisten von Bruce La Bruces Film ihre politischen Vorbilder.

Sie tragen in Erinnerung an die Terroristen von einst auch Namen wie Gudrun, Andreas, Che oder Ulrike, predigen die Parolen des Kommunistischen Manifests oder zitieren aus den Schriften Wilhelm Reichs. La Bruce hat das Ganze aber bis zur Farce überzeichnet, lautet eine seiner Hauptthesen doch immerhin: »Heterosexualität ist ein bourgeoises Konstrukt« und »homosexuelle Intifada«. Diese markigen Sprüche, die von den deutschen Schauspielern in bewußt schlechtem Englisch wie in einem Laientheater vorgetragen werden, rauschen als Laufbänder auch ständig in Riesenlettern durchs Bild – von links nach rechts, von oben nach unten und umgekehrt.

Die Leinwand ist mit Buchstaben übersät, Split Screens und Überblendungen nähren zusätzlich die optische Übersättigung. Zwischen all diesem Ideologienwust, den vor allem Susanne Sachsse als Gudrun mit einer kaum mehr zu übertreffenden Penetranz von der Leinwand predigt, sehen wir immer wieder explizite, pornographische Sexszenen. Das fängt schon in den ersten Minuten an, wenn sich Gudrun mit Holger vergnügt und Che im Nebenzimmer zum heftigen Gestöhne onaniert.

Es dauert jedoch nicht lange, dann kehrt La Bruce zu seinen Wurzeln zurück und zeigt dann für den Rest seines Filmes nur noch Sex zwischen Männern. Einige werden von der forschen Leitfigur Gudrun dazu gezwungen, andere sind ohnehin schwul. Die Darsteller dieser Figuren auch, schließlich haben fast alle einschlägige Erfahrungen im Gay-Porn-Bereich. Deswegen nimmt man es ihnen auch keine Sekunde lang ab, wenn sie so tun müssen, als zierten sie sich, einen anderen Mann zu küssen oder ihm sogar einen zu blasen. Es ist zwar nicht daran zu rütteln, daß die Sexszenen professionell durchgeführt werden, aber die Binsenweisheit, daß Pornostars keine Schauspieler sind, bewahrheitet sich hier einmal mehr.

La Bruce ist sich dessen aber durchaus bewußt und macht aus The Raspberry Reich einen durch und durch trashigen Gegenentwurf zu ernstgemeinter Sozialkritik. Das Ergebnis ist ein Film, der seinen Fans sicherlich gefallen dürfte. Auch Leute, die auf Männersex oder furchtbar niveauloses Schmierentheater stehen, werden auf ihre Kosten gekommen. Zu behaupten, der politische Hintergrund der Geschichte sei für La Bruce lediglich ein Vorwand, einen weiteren künstlerisch angehauchten Porno zu drehen, ist sicherlich überspitzt. Dennoch macht der Regisseur hier auch nichts anderes, als wir bisher von ihm gewohnt sind – lediglich vor einer anderen, gesellschaftspolitisch verankerten Kulisse. 1970-01-01 01:00
© 2012, Schnitt Online

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