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The Namesake

USA 2006. R: Mira Nair. B: Sooni Taraporevala. K: Frederick Elmes. S: Allyson C. Johnson. M: Nitin Sawhney. P: Fox Searchlight Pictures. D: Kal Penn, Irfan Khan, Tabu, Jacinda Barrett u.a.
122 Min. Fox ab 7.6.07

Die lebendigen Seelen

Von Kyra Scheurer »Wir kommen alle von Gogols Mantel her«, lokalisierte Dostojewski seinerzeit die literarische Identität des russischen Realismus des 19. Jahrhunderts. In The Namesake werden diese Worte vom Vater des titelgebenden Namensvetters Gogols zitiert, und 122 Minuten berührende Filmminuten lang bewegt sich die drei Jahrzehnte umfassende Familienchronik genau zwischen diesen beiden Polen – Literatur und Identität. Literatur war nicht nur auf der Handlungsebene das auslösende Moment für Ashok, sein Heimatland Indien zu verlassen, eine literarische Vorlage bildet auch die Keimzelle des Films und beeinflußt maßgeblich Struktur und Erzählton dieser aktuellen Regiearbeit von Mira Nair. Die Filmemacherin, mit 19 Jahren von Indien in die USA ausgewandert, adaptiert hier den Debütroman der amerikanischen Pulitzer-Preisträgerin Jhumpa Lahiri, die als Kind bengalischer Eltern in London geboren wurde. Und Nair bleibt nah an der Originalvorlage, deren zentrales Thema, das Leben zwischen zwei Kulturen und Identitäten, auch ihr eigenes ist: In einem sehr sanften Erzählfluß aus erstaunlich reicher Detailkenntnis verschiedener Milieus und wertfreier Liebe zu den Figuren verdichten sich Episoden aus dem Leben der Familie Ganguli zu einem sensiblen Familienporträt, das in der zweiten Filmhälfte die Coming-of-Age-Story des jungen Gogol Nikhil Ganguli in den Mittelpunkt rückt.

Gogol ist das erste Kind aus der arrangierten Ehe von Ashok mit Ashima, die den Zuschauer durch den ersten Teil des Films als Hauptfigur begleitet. Ashima, die der Heirat inklusive Übersiedlung nach Amerika wohlüberlegt zugestimmt hat, ist ihr Mann anfangs so fremd wie das neue Land. Die Annäherung der Eheleute ist ein stetiger, zarter und erfolgreicher Prozeß, die USA aber werden Ashima in vielerlei Hinsicht fremd bleiben – auch wenn sie dort zwei Kinder, einen Job und private Kontakte hat. Während Ashima und Ashok letztlich in ihrer bengalischen Identität verwurzelt sind, fühlen sich ihre Kinder als »echte Amerikaner«. Gogol legt nicht nur seinen ungeliebten Namen ab, er entfernt sich spätestens mit seinem Studium in Yale und der amerikanischen Freundin, einem typischen Rich Kid liberaler Eltern, von Eltern und indischen Wurzeln. Doch eine Tragödie öffnet ihm die Augen und läßt ihn sich diesem Teil seiner Identität nähern. Wo andere Filme enden, folgt hier ein weiterer Akt. Ein Teil der Geschichte, der anschaulich macht, daß Identität – auch und gerade die interkulturelle – komplexer ist als »zwischen zwei Polen«, daß es täglich ganz normale Klippen der Selbstfindung und des Beziehungsalltags zu umschiffen gilt, über die Frage der kulturellen Zugehörigkeit hinaus.

Die stets mitfühlende, oft auch melancholische, nicht aber sentimentale Erzählhaltung und die epische Struktur lassen bei The Namesake viel Raum für eigene Gedanken und Gefühle des Zuschauers. Und gerade diese Qualität unterscheidet ihn von einer bloßen Fallstudie von Identitätssuche in der Emigration und läßt eindringliches Erzählkino entstehen: Der große Zusammenhang, die universellen Themen Liebe, Tod, Familie, Heimat und Fremde schwingen in den scheinbar ganz einfach erzählten alltäglichen Situationen immer mit.

Nach ihren reinen US-Projekten Hysterical Blindness und Vanity Fair sowie dem bisweilen sehr folkloristischen Monsoon Wedding, einer stark verwestlichten Variante des Bollywood-Films, ist es ein großer Gewinn, daß Mira Nair nicht nur wieder zu ihren eigenen Themen gefunden hat, sondern auch zu ihren realistischen Wurzeln von Salaam Bombay zurückkehrt. 1970-01-01 01:00

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