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The Minus Man

USA 1999. R,B: Hampton Fancher. K: Bobby Bukowski. S: Todd C. Ramsay. M: Marco Beltrami. P: Shooting Gallery. D: Owen Wilson, Brian Cox, Mercedes Ruehl, Janeane Garofalo, Sheryl Crow u.a.
110 Min. Real Fiction ab 12.10.00
Von Rüdiger Suchsland Ein Auto im Sonnenlicht, irgendwo in der weiten Prärielandschaft des amerikanischen Westens. Ein junger, blonder Mann, aufgenommen von hinten. Sein Gesicht bleibt verborgen. Sorgfältig spritzt er das Auto mit einem Wasserschlauch ab. Dann fährt er los. Reinigung, Aufbruch – universale Themen. Wer da wirklich fährt, begreift der Zuschauer erst allmählich; und ganz versteht er es bis zum Ende nicht, als das Auto verschwindet, unterwegs auf der Straße nach nirgendwo.

Zwischendurch wird dieser Er ein paar Menschen zurücklassen: eine Drogensüchtige, eine neugierige Polizistin, einen All-American-Football-Spieler, ein älteres Paar, bei dem er wohnt, und eine junge einsame Frau, die sich in ihn verliebt hat. »Ich mache nie einen Plan.« – Dieser gesichtslose »Minus Man«, dem Hampton Fanchers gleichnamiger Film ein paar Stationen auf seinem Weg folgt, ist immer genau das, was diese anderen in ihm sehen wollen: ein Mann ohne Eigenschaften, ein bißchen verwandt dem »Fremden« Albert Camus', der zu allem fähig war, weil er immer wußte: »C'est à cause de soleil« – »Die Sonne war schuld«.

Auch in The Minus Man wird man Zeuge von Grenzerfahrungen. »Ich fühle mich wie ein Licht im Dunkel«, sagt Vann, von Owen Wilson in entwaffnender Harmlosigkeit gespielt. Der junge Spröde, in vieler Hinsicht auch ein Kontaktunfähiger und Gestörter, der in diesem Roadmovie auf endlosen Highways und durch Kleinstädte fährt, erinnert an Shane, diesen archetypischen Westernhelden, der in die Stadt kommt und dort alles verändert. Denn jeder findet in ihm genau das, was er sehen will – er ist Projektionsfläche und reines Zeichen. Am Ende muß er wieder fort. Aber nichts ist, wie es war.

Es gab Zeiten, da war Hampton Fancher berühmt. Das dauerte sogar etwas länger als nur die Viertelstunde, die Andy Warhol jedem von uns zugesteht. Immerhin verfaßte er, der seit den 70er Jahren Drehbücher schreibt, das Skript für Blade Runner, und daß sein Freund Ridley Scott die Regie übernahm, war seine Idee. Heute findet er, daß Scott den Film »verschenkt« habe: »Er hat nicht kapiert, was alles in dem Skript steckte.« Das klassische Leiden des Autors.

Fancher begann als Schauspieler, spielte als ganz junger Mann in den 50er Jahren in zahlreichen Fernsehserien mit, dann in den 60er Jahren in Kinoproduktionen. Am Ende des Jahrzehnts kam er für ein Jahr auch nach Deutschland. In München drehte er mit Michael Pfleghar und Will Tremper, dann sattelte er aufs Drehbuchfach um. The Minus Man ist Fanchers erste Spielfilmregie. Darin greift er zurück auf das reiche Reservoir der amerikanischen Mythenlandschaft.

Vann, so Fancher, »ist der dekonstruierte westliche Held: aus dem Nichts kommend lebt er im Dunkel.« Auch ein Blade Runner. Dabei ist er wie wir alle: »Jeder hat seine Geheimnisse, seine Dinge, die wir im geschlossenen Zimmer tun – und niemand soll davon wissen.« So handelt es sich um weit mehr als eine Darstellung aus dem normalen Leben eines Serienmörders im Stil von Henry, Portrait of a Serial Killer. Denn hinter dem verborgenen Drama dieser Outsiderfigur, seinem Nicht-aus-sich-heraus-können, zeigt sich auch das Drama traditioneller Männlichkeitsideale: Selbst das Duell, der hysterisch-starre Kampf um die Ehre ist heute unmöglich geworden. Übrig bleibt allein die nach innen gewandte, zur Erstarrung gewordene Angst. Nur der Aufbruch, der eine Flucht ist, bietet hieraus noch einen Ausweg. Und das Töten. 1970-01-01 01:00

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