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The Man who wasn't there

USA 2001. R,B,S: Joel Coen. B,S: Ethan Coen. K: Roger Deakins. S: Tricia Cooke. M: Carter Burwell. P: Working Title. D: Billy Bob Thornton, Frances McDormand, Michael Badalucco, Adam Alex-Malle u.a.
116 Min. Constantin ab 8.11.01
Von Fritz Göttler Der Mann röchelt und zuckt, das Blut sprudelt aus der Wunde am Hals, und wir wissen, es ist um ihn geschehen. Ein anderer Mann steht daneben und beobachtet ungerührt den Todeskampf. Eine Mordtat, begangen gleichsam im Reflex, aber auch, meint man, aus einer unbewußten Neugier heraus auf das was passieren könnte wenn…

Monströs ist die Einstellung auf diesen zappelnden Fleischberg, die einzige, die an den Anfang der Brüder Coen erinnert, an Blood Simple, einen kleinen Film vom Töten.

Das »Barber Project« hieß dieser neue Film lange in den Plänen der Coens, denn das war die Aufgabe, die sie sich gestellt hatten: das Leben eines Friseurs zu schildern, in der kleinen Stadt Santa Rosa im Norden Kaliforniens. Tag für Tag, Schnitt für (Haar-)Schnitt. Und nur weil dieser Barber, der Friseur Ed Crane, irgendwie mit seinem Job nicht mehr glücklich sein kann und weil er das Gefühl hat, seine Frau Doris ist irgendwie anders als früher und weil er beim Versuch, sich als Geschäftsmann unabhängig zu machen und bei einem Trockenreinigungs-Projekt einzusteigen, brutal übers Ohr gehauen wird und weil er erkennt, daß Doris ihn betrügt mit ihrem Chef, nur deshalb eigentlich kommt es zu jenen tristen, ein wenig blutigen Verwicklungen.

Ein »schlub« ist dieser Held, haben die Coens erklärt, und der Film ist eine wunderschöne Studie in Slowmotion, schwarzweiß natürlich, so daß einem Filme von Preston Sturges oder Frank Capra in Erinnerung kommen, aber auch, darüber hinaus, die Eifersuchtsstücke von Renoir oder Dreyer. Und an Buster Keaton und Harry Langdon muß man denken, von denen Billy Bob Thornton, der Darsteller des Ed Crane, wohl gelernt hat, wie man Traurigkeit und Trance zeigt, ohne daß Verzagtheit gleich daraus werden könnte.

Ein Film für James M. Cain, haben die Coens gesagt, »his kind of story«, eine Hommage auf den vielleicht größten der Hardboiled-Männer der 30er. Billy Wilder, Michael Curtiz, Tay Garnett haben ihn verfilmt, für große Hollywoodstudios, so daß die Schäbigkeit und Trostlosigkeit seiner Geschichten gemildert wurde durch vertrauten Glamour.

»Deadpan« heißt die Kunst der Verzögerung, mit der Cains Losers auf die Welt reagieren, eine Art existentialistischer Transparenz – alles was sich ereignet um ihn herum scheint durch den Barber Ed hindurchzugehen ohne den geringsten Widerstand. Und selbst die Urkraft des Kinos, jene zuverlässige Eleganz und Effizienz der Montage, in der zwei Einstellungen aneinander gebracht werden, damit an eben diesem Schnittpunkt etwas neues sich ergebe, scheint in diesem Film zu versagen – es ist, als lösten die Klebestellen selbst sich auf. Einmal hockt Ed sich auf den Rand der Badewanne, in der Doris liegt, seine Lana, Barbara, Joan, aber die erotische Kommunikation beschränkt sich darauf, daß er sie einen Zug machen läßt von seiner Zigarette. Danach rasiert er ihr die Beine.

Der Film hat das Flüchtigste selbst zu seiner Materie gemacht, den Dunst, den Rauch. Mitten im Film hat ein windiger Anwalt seinen großen Auftritt und versucht dem ungläubigen Ed das Prinzip seines Handelns zu erklären – das er von einem Fritz oder Werner geborgt hat, einem Wissenschaftler aus Deutschland. Nennt sich irgendwie Unschärferelation. Besagt, daß der, der auf ein Ereignis, eine Aktion guckt, dies durch sein Gucken selbst schon wieder beeinflußt. Da kapiert man die geheime Absicht der Coens – schon der Mord, den »Ed the schlub« begangen hat, war irgendwie ein Experiment. 1970-01-01 01:00

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