Erzählerischer Übereifer
Von Jutta Klocke
Der Anfang scheint das Ende gleich vorwegzunehmen. Flammen lodern aus einem Papierhaufen auf. Und weil der aus lauter Geldscheinen besteht, muß es sich wohl um ein reinigendes Feuer handeln, das einen Schlußstrich zieht unter die im folgenden rückblickend erzählte Geschichte. So denkt man noch bei sich, als ein in die Vergangenheit zurückführendes Voice Over einsetzt und jegliche weitere Überlegung für eine gefühlte (und annähernd auch reale) halbe Stunde unterbricht.
Dieser erzählerische Übereifer setzt sich auf visueller Ebene fort. Die triste Wirklichkeit des verträumten André, der in einem Kramladen den Kopierer bedient, eigentlich aber gern Zeichner wäre, wird durchkreuzt von Erinnerungsfetzen in Comicform oder Collagen im Monty Python-Stil, zusammengesetzt aus den Versatzstücken der äußeren Welt, die er nur aus dem Ausgabefach des Kopierers kennt.
Was an Sympathien durch die anfängliche Penetranz der Worte fast verlorenging, wird mit solchen Einschüben, aber auch in den durchaus vorhandenen stillen Momenten des Films wieder ausgeglichen. Ermutigt durch die behutsame Entfaltung der Beziehungen zwischen den Figuren, vertraut man sich der Handlung an – sieht zu, wie André versucht, die Grenzen seiner Welt mit dem Blick durchs Fernglas zumindest bis zum nächsten Häuserblock auszudehnen. Hofft mit ihm auf die Erwiderung seiner Liebe zum Mädchen von gegenüber. Bangt auch mit ihm, als er beginnt, Geldscheine zu kopieren und sie unentdeckt unters Volk zu bringen. Und gelangt schließlich mit ihm zu den brennenden Scheinen zurück, dahin, wo der Film eigentlich sein Ende hätte finden sollen.
Statt dessen werden aber noch einmal gänzlich neue Handlungsstränge eröffnet. Die Geschichte läuft aus dem Ruder, fast so wie ab dem Punkt in
Adaptation, an dem Charlie Kaufman sein Drehbuch den Regeln des Mainstream unterwirft. Jorge Furtados Einfallsreichtum in allen Ehren – dem Film wäre es aber zugute gekommen, hätte er ihn zu kanalisieren und zu dosieren vermocht.