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The Majestic

The Majestic. USA 2001. R: Frank Darabont. B: Michael Sloane. K: David Tattersall. S: Jim Page. M: Mark Isham. P: Darkwoods. D: Jim Carrey, Martin Landau, Laurie Holden, James Whitmore, David Ogden Stiers, Jeffrey De Munn u.a.
152 Min. Warner ab 30.5.02
Von Jutta Klocke Eine Art Liebesbrief an Frank Capra – so möchte der Regisseur Frank Darabont sein neues Werk verstanden wissen. Zu diesem Zweck wagt sich der Spezialist in Sachen Stephen-King-Verfilmungen nach The Shawshank Redemption und The Green Mile nun erstmals aus den grauen Gefängnismauern heraus, um uns gleich wieder in einen in sich fast ebenso geschlossenen Mikrokosmos zu entführen: die amerikanische Kleinstadt der 50er Jahre.

Die Geschichte um einen ambitionierten Drehbuchautor, dessen gerade erst begonnene Karriere aufgrund falscher politischer Anschuldigungen zu scheitern droht, präsentiert den »kleinen Mann« im – aussichtslos erscheinenden – Kampf gegen das System. Das Schwierige an dieser Situation ist, daß die Figur des Peter Appleton sich gleich mit drei Systemen konfrontiert sieht.

Da ist zunächst die in Hollywood ganz alltägliche Selbstbehauptung innerhalb der Studiohierarchie. Hat Appleton hiermit schon genug Probleme, so stellt sich ihm im folgenden ein noch viel mächtigeres System entgegen. Das während der McCarthy-Ära eingesetzte Komitee zur Untersuchung unamerikanischen Verhaltens bezichtigt ihn kommunistischer Aktivitäten. Peters Flucht vor diesen beiden Systemen endet, bedingt durch einen Autounfall, der eine Amnesie zur Folge hat, in einem dritten, durch und durch positiv besetzten System: der kalifornischen Kleinstadt Lawson als idyllischem Hort amerikanischer Grundwerte.

Die Rolle, die ihm hier angeboten wird, ist ihm ebenso fremd wie die, die ihm das Studio oder das Komitee zuweisen; nur geht er hier das Wagnis ein, diese Rolle auch anzunehmen. Er wird zum fürsorglichen Sohn, zum aufrichtig Liebenden, zum engagierten Mitglied und strahlenden Hoffnungsträger der Gemeinde – eben zu all dem, was den Vertreter des nostalgischen Kleinstadtidylls ausmacht.

Und warum sollte der von seinen jüngsten Erfahrungen mit der Filmindustrie und den Vertretern des Staates bitter enttäuschte Peter diese Rolle nicht annehmen? In Lawson wird er, der einstige Spielball höherer Mächte, selbst zum Agens, zum totgeglaubten Kriegshelden Luke, dem Sympathie und Respekt entgegengebracht werden, und der tatsächlich etwas bewirken kann. In diesem neuen Leben entdeckt er mit Hilfe des vermeintlichen Vaters auch die Liebe zum Film wieder: Der jahrelang geschlossene Familienbetrieb, das Lichtspielhaus »Majestic«, wird wiedereröffnet. Der verklärte Blick des Vaters auf die Magie des Kinos, in dem »die Guten am Ende immer siegen sollten«, steht allerdings in krassem Gegensatz zu der ironisch-kritischen Präsentation des Filmgeschäfts am Anfang von The Majestic: Hier wird das Festhalten der Studiobosse an leichter Kost und simplen Erzählstrukturen noch verurteilt.

Damit ist das Hauptproblem des Films angesprochen, nämlich der scheiternde Versuch, märchenhafte und realistische Elemente miteinander zu verknüpfen. Zum Teil ist dies der Haltung der Kamera gegenüber den Personen zuzuschreiben. Die psychologisierende Nahaufnahme, die auffallend häufig eingesetzt wird, um die innere Konstitution der Charaktere im Äußeren zu erfassen, will nicht so recht zur sentimentalen Atmosphäre passen.

In erster Linie aber liegen die Gründe für das Scheitern im Drehbuch, dessen Narration nur allzu vorhersehbar geraten ist und oftmals, vor allem in der Figurenzeichnung, ins Klischee abgleitet. Wie die Geschichte ausgehen wird, ist dem Zuschauer schon sehr bald klar; Figuren wie der glorreiche Kriegsheld, der mißtrauische Gegenspieler oder die energievolle Freundin sind zu stereotyp angelegt, um Überraschungen bieten zu können.

Nun könnte man The Majestic solche Vereinfachungen wie auch die der obligatorischen auf dem Sterbebett dahingehauchten letzten Worte des Vaters an den Sohn oder den altmodisch-kitschig in Szene gesetzten Kuß vor der Sonnenuntergangskulisse noch verzeihen, wenn es sich denn tatsächlich um ein Märchen handeln würde. Dies jedoch wird dem Film verwehrt, indem die Thematik der Kommunisten-Hetzjagd, die zunächst nur als Aufhänger für die sich in Lawson abspielende Binnenhandlung wirkt, am Ende wieder in den Vordergrund rückt. Da bricht nicht nur die harte Realität in das Idyll ein, sondern dringt auch der unvermeidliche, platte US-Patriotismus durch. Die Rede, die Peter seinem Tribunal vorträgt, erschöpft sich in Plattitüden über das uneingeschränkte und scheinbar nur den Amerikanern vorenthaltene Recht des Individuums auf persönliche Freiheit. Damit wird allerdings der Ernst der Lage heruntergespielt: Wäre es einst möglich gewesen, die Gunst der Masse auf solch einfache Weise zu gewinnen, so hätte man wohl nicht solch dramatische Folgen wie den Fall Rosenberg zu verzeichnen. Der Film bleibt auch da noch Märchen, wo er längst wieder in der Realität angekommen ist – und das ist es, was ihn nicht funktionieren läßt.

Ein Liebesbrief an Capra also? Die Bewunderung für das große Vorbild sei Darabont in keinster Weise abgesprochen. Das von ihm übernommene Konzept der Verwebung realer Problematiken und phantastischer Elemente geht in The Majestic jedoch nicht auf. 1970-01-01 01:00
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