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The House is Burning

D 2006. R,B: Holger Ernst. B: Allan Dorr. K: Stefan Grandinetti. S: Silke Botsch. M: Markus Glunz. P: Reverse Angle Pictures GmbH. D: John Diehl, Joe Petrilla, Melissa Leo, Julianne Michelle u.a.
97 Min. Reverse Angle ab 16.11.06

Es war eine dunkle und stürmische Nacht

Von Carsten Tritt Ein Haufen Jugendlicher irgendwo in den USA: Mike geht zur Armee, um seiner sozialen Sackgasse zu entfliehen. Morgen früh muß er seinen Dienst antreten. Seine Freundin Valerie will keine Fernbeziehung und kopuliert somit schon mal mit Phil, der dringend Geld auftreiben muß für einen Drogendeal. Steve leidet unter seinem gewalttätigen Vater, der wiederum unter der Bank leidet, die ihm ob nichtbezahlter Schulden sein Haus wegnehmen will. Terry sucht verzweifelt eine Arbeitsstelle und leidet aufgrund ihrer Unterqualifikation. Währenddessen will das kleine Mädchen nach der Operation einfach nicht aufwachen. Und immer mehr drängt sich in dieser einen Nacht für alle die Gewißheit auf, daß das Leben kein Zuckerschlecken ist.

Während der Großteil des Hollywood-Arthouses längst selbst zum Genre mit starren Konventionen verfallen ist, trifft man ihn in weiten Teilen Europas noch an, den glücklichen Jung-Autorenfilmer in Freilandhaltung, der seinen natürlichen künstlerischen Trieben nachkommen darf. Und er dankt für die Filmförderungs- und Festivalkultur mit einer Reichhaltigkeit filmischen Schaffens. Gerade der deutsche Film beglückte in den letzten Jahren mit einer herrlichen Vitalität, die nicht auf Festivals und TV-Nachtprogramm beschränkt war, sondern auch in den Kinos eine – wenn auch überschaubare – Zahl dankbarer Zuschauer fand. The House Is Burning ist dabei auch so ein Film, der, obwohl in Amerika spielend, nur als europäischer Film entstehen konnte. Zu einer solch kompromißlosen Tragödie, einer solch harschen Darstellung der Hoffnungslosigkeit, wie sie Wim Wenders' Produktionsgesellschaft Reverse Angle hier toleriert, hätte sich ein US-Produzent kaum bereit gefunden.

Holger Ernst, der hier seinen ersten abendfüllenden Spielfilm gemacht hat, hat sich zuvor in mehreren Kurzfilmen als durchaus fähiger Regisseur bewiesen. Dennoch ist The House Is Burning auf ganzer Linie gescheitert. Schon seine Figuren aus dem White Trash wirken wie Variationen des Back to the Future-Antagonisten Biff Tanner, sowohl bezüglich Charme als auch charakterlicher Tiefe. Das Drehbuch überlädt sich dabei mit einer Fülle von Schicksalen von zwar nicht zwangsweise unrealistischen, doch gezwungenermaßen eindimensionalen Charakteren, die alle auch noch in der Handlungsspanne von nicht ganz 24 Stunden zu Ende erzählt sein wollen. Dieser offensichtlich artifiziellen Ausgangsposition zum Trotz versucht Ernst, seine Figuren für voll zu nehmen und als authentisch darzustellen. Was dabei als »closely photographed« beworben wird, ist letztlich nichts anderes als die übliche Handkamera, immer ganz nah dran und hier noch etwas mehr schunkelnd als üblich, wobei die ständige physische Nähe Empathie vergebens zu erzwingen hofft – also eine ähnliche Umsetzung wie bei AK – Die Abschlussklasse auf Pro 7. Mit fortschreitender Filmdauer reduziert sich dann auch der Wortschatz der Protagonisten immer mehr, und wie die Einwohner Schlumpfhausens, die jedes Wort durch »Schlumpfen« ersetzen können, beinhaltet alsbald auch fast jede Äußerung der sowieso schon in ihrer Ausdrucksfähigkeit beschränkten Charaktere das Wort »Fuck« – was die dargebotene Prosa realistischer machen soll, sie aber jedenfalls nicht interessanter macht.

Das Erschreckende ist, daß fast alles, was sich hier in einen Brei der Langeweile ergießt, erst kürzlich besser zu sehen war. Ein ähnlich intendiertes Filmende gab es z.B. jüngst in Kammerflimmern, dort wesentlich kunstvoller inszeniert und als Konsequenz der erzählten Geschichte, während die Schlußeinstellung hier schlicht aufgesetzt wirkt. Wer ein Sozialdrama über Jugendliche in einer Welt aus Gewalt und Perspektivlosigkeit sehen will, ist mit Knallhart doch viel besser bedient, und Freunde der Handkamera greifen bitte zu Requiem, wo diese Technik in ein wunderbares Bildkonzept eingebettet wurde.

Bei The House Is Burning jedoch wirkt es in der völligen Überladenheit fast schon komisch, wenn in der Klimax, als gerade der Night Shop-Kassierer erschossen werden soll, der Typ mit den schlechten Zähnen ein zu junges, zugedröhntes Mädchen vögelt, eine Protagonistin an einer Überdosis zu sterben droht und das kleine Mädchen nach der Operation immer noch nicht aufgewacht ist, sich ausgerechnet auch noch das Auto überschlagen muß. Man sollte vielleicht die Augen nicht vor dem Schicksal von sozial benachteiligten Jugendlichen verschließen, aber sicherlich vor diesem inszenatorisch und inhaltlich nur enttäuschenden Film. 1970-01-01 01:00

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