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The Hours

The Hours. USA 2003. R: Stephen Daldry. B: David Hare. K: Seamus McGarvey. S: Peter Boyle. M: Philip Glass. P: Miramax Films, Scott Rudin Productions. D: Meryl Streep, Julianne Moore, Nicole Kidman, Ed Harris u.a.
115 Min. Highlight ab 27.3.03

Die Nase als Chance

Von Daniel von Rosenberg Drei Existenzen, drei unterschiedliche Dekaden, drei Frauen. Frauen auf der Suche nach ihrer wahren Identität und dem, was sie für Glück halten. Verbunden miteinander durch ein schicksalhaftes Band, welches vom England der 20er Jahre bis ins New York der Gegenwart reicht und zusammengehalten durch einen Roman von Virginia Woolfe, der die inhaltliche und formale Klammer dieses sehenswerten Films bildet.

Was ist Glück? Wie fühlt es sich an, wenn der Phantomschmerz amputierter Talente, Leidenschaften und Träume im Leben eines Menschen in seiner Eindringlichkeit unerträglich wird? Und wie unabwendbar ist dann dieses Schicksal? Für jeden Menschen gibt es auf diese elementare Frage eine andere, eine persönliche Antwort. Und so sucht in The Hours jede der Frauen nach einer individuellen Lösung, einem Notausstieg aus der sich anbahnenden Tragödie.

Was diesen Film in seiner Haltung von vielen anderen unterscheidet, ist die Tatsache, daß es nicht um Schuld oder moralische Verurteilung geht, denn es sind ausschließlich geliebte Menschen, durch deren Erwartungen die Frauen sich dominiert, ja gefangen fühlen. Es geht nicht um Polarisierung, nicht um Gut und Böse, sondern ausschließlich um die essentielle Entscheidung, ob man so weiterleben kann und will, über den Moment hinaus, in welchem der Organismus die eigene Existenz abzustoßen beginnt.

Dies ist eine entscheidende Parallele zu Billy Elliott, dem internationalen Durchbruch von Regisseur Stephen Daldry, in dem ein kleiner Junge aus der nordenglischen Provinz gegen alle gesellschaftlichen, geschlechtsspezifischen und familiären Konventionen aufbegehrt und seinen Traum, Ballettänzer zu werden, wahr macht.

In The Hours geht es jedoch um den entscheidenden Tag, den sprichwörtlichen »Tag der Wahrheit« im Leben dreier erwachsener Frauen und somit sind viele Weichen, anders als bei Billy Elliott, schon gestellt, hat sich der Leidensdruck wie Dampf in einem Schnellkochtopf aufgestaut.

Virginia Woolfe ist eine dieser Frauen, und es ist ihre Entscheidung, sich das Leben zu nehmen. Selbstauslöschung als einziger gangbarer Ausweg.

Nicole Kidman spielt die englische Schriftstellerin, die an den hilflosen Versuchen ihres Ehemannes und ihrer Familie, sie vor ihren Gemütsschwankungen und den Abgründen ihrer Seele zu schützen, schier zu ersticken droht.

In der Rolle der immer wieder von Wellen der Melancholie und geistigen Verwirrung durchschüttelten Literatin gelingt der Schauspielerin eine außergewöhnliche, nicht nur optisch erkennbare Verwandlung. Die Nasenplastik, hinter der die Maskenbildner ihr in Natura klassisches Ebenmaß verbergen, ermöglichen es ihr, bar jeder Kidmanschen Hübschheit und Koketterie diszipliniert ein sparsames, glaubwürdiges Spiel zu entwickeln.

Und so vergißt selbst der kritische Zuschauer nach einer kurzen Zeit des Staunens, wen er hier vor sich hat. Die Nase als Chance. Es verwundert nicht, daß Kidman – so erzählt sie es zumindest in Interviews – auch nach Drehschluß desweilen die Maskerade aufrecht erhielt, um sich im Schutz der neugewonnenen Anonymität unter das Volk zu mischen.

Virginia Woolfe, die einzige Figur des Films mit realem Vorbild, wählt das drastischste aller denkbaren Modelle – den Tod. Aber auch die beiden anderen Frauen werden am Ende des Tages nicht mehr die selben sein, werden aus eigenem Willen, oder durch die Entscheidung anderer grundlegende Veränderung erfahren haben.

Diese drei ähnlichen, doch zugleich so vollkommen unterschiedlichen Handlungsstränge, bevölkert von einem fantastischen Cast aus hochkarätigen Darstellern und verknüpft durch eine beeindruckende Montagetechnik, die durch die Jahrzehnte springt ohne Verwirrung zu stiften, machen The Hours zu einem filmischen Höhepunkt. 1970-01-01 01:00
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