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The Fountain

USA 2006. R,B: Darren Aronofsky. B: Ari Handel. K: Matthew J. Libatique. S: Jay Rabinowitz. M: Clint Mansell. P: Warner Bros., Regency Enterprises. D: Hugh Jackman, Rachel Weisz, Ellen Burstyn, Sean Gullette u.a.
97 Min. Kinowelt ab 18.1.07

Ars moriendi

Von Stefan Höltgen Wie ein Detail aus Hieronymus Boschs berühmtem Triptychon »Der Garten der Lüste« sieht jenes seifenblasenartige Raumschiff aus, mit dem im 26. Jahrhundert ein Mann in Richtung des Sternennebels Xibalba unterwegs ist. Er hofft dort, seine verlorene Liebe, die Frau, die fünfhundert Jahre zuvor an einem Gehirntumor gestorben ist, just bevor er das Heilmittel für ihre Krankheit entdeckt hat, wiederzuerlangen. Besagtes Heilmittel stammt aus einem in Lateinamerika wachsenden Baum und besiegt nicht nur den Krebs, sondern darüber hinaus den Tod selbst. Darren Aronofskys dritter Spielfilm The Fountain erzählt die Geschichte des Mannes, der dieses Heilmittel zu spät entdeckt. Tom Creo ist sein Name, und Tom ist Biochemiker, dessen einziges Streben auf die Heilung seiner todkranken Frau Izzi zielt. Während diese sich bereits mit ihrem Schicksal abgefunden hat, kann Tom nicht loslassen. Er widmet jede freie Sekunde der Suche nach Heilung und verliert dabei das Wichtigste aus den Augen: den Wunsch seiner sterbenden Frau nach Zweisamkeit.

The Fountain erzählt seine Geschichte, die vielleicht eine der rudimentärsten Erzählungen der Menschheit überhaupt ist, auf drei komplex miteinander verwobenen Zeitebenen. Izzi schreibt während ihres Sterbens an einem Roman über den Conquistador Tomas, der im Auftrag seiner spanischen Königin Isabel im Maya-Reich nach dem sagenhaften Baum des Lebens suchen soll. Die Inquisition bedroht Isabel, und nur dieses Wunder kann sie vor dem Sturz und dem Ketzer-Tod retten. Bevor Izzi, die für ihren Text die Mythen der Maya wie die Geschichte Spaniens und des Kolonialismus studiert hat, ihr Buch beenden kann, stirbt sie – nicht jedoch ohne Tom den Auftrag »Beende es!« gegeben zu haben. Die Vieldeutigkeit dieser Aufforderung füllt den Film mit Sinnangeboten, die den Zuschauer vieles über das Wesen des Lebens, Sterbens und Todes reflektieren lassen.

Tom mißversteht die Aufforderung Izzis zunächst und gibt dem eigenen narzißtischen Wunsch nach ewigem Leben nach, indem er nach der Unsterblichkeit seiner Frau verlangt. Auf ihrem Grab pflanzt er den heilsamen Baum und glaubt an die Maya-Prophezeihung, nach der dieser bis ins Totenreich (repräsentiert durch den Stern Xibalba) wächst und dann den Schrecken des Todes beendet. So also reist Tom, selbst durch das entdeckte Heilmittel unsterblich geworden, mit dem Baum und Izzis Grab hinauf zu den Sternen. Sich selbst hält er am Leben, indem er jeden Tag etwas von der Rinde ißt, dabei den Baum jedoch mehr und mehr schwächt. Izzis unfertiges Buch hat er bei sich und immer wieder begegnet sie ihm in Visionen und fordert ihn auf: »Beende es!«

The Fountain ähnelt in vielem Stanley Kubricks 2001: ein kompliziert erzählter Science Fiction-Film, bei dem der Versuch jeder Nacherzählung des Plots selbst notwendig Interpretation sein muß. Grund hierfür ist neben den drei Zeitebenen das komplexe Spiel mit Leitmotiven, die Verwebung verschiedenster religiöser Paradies- und Erlösungsvorstellungen sowie die Selbstähnlichkeit der drei stets miteinander in Dialog befindlichen Erzählebenen. Izzis Buch scheint dabei den narrativen Kern zu bilden, aus dem sich die Symbole und Motive herleiten und der letztlich die Erzählungen des 21. und 26. Jahrhunderts determiniert.

Toms unbedingter Glaube an die Wahrheit der Fiktion ist es also, die sein Tun bestimmt und der letztlich auch einen Sinn von The Fountain für den Betrachter bereithält: Eine ars moriendi, die lehrt, daß der Sinn des Lebens im Sein zum Tode und nicht in dessen Überwindung liegen könnte. Indem Aronofsky diese These mit einer Liebesgeschichte verknüpft (siehe auch Interview mit Editor Jay Rabinowitz), macht er sie für den Zuschauer hautnah erfahrbar, kann er wie Soderbergh mit Solaris melodramatische Science Ficiton inszenieren, deren Genre ihm als Träger der humanistischen Idee dient. Und dieses Genre-Konzept nutzt The Fountain bis zum Ende, wenn er die Suche seines Protagonisten in einem Crescendo an Farben und Formen auf die Leinwand zaubert und die Botschaft des Films damit transparent macht.

Das ist dem Film von vielen Kritikern vorgeworfen worden. Die Frage ist aber, ob The Fountain auf diese Eindeutigkeit hätte verzichten können, ohne zum kühlen Gedankenexperiment zu verkommen. 1970-01-01 01:00

Abdruck

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