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The Five Senses

The Five Senses. CDN 1999. R,B: Jeremy Podeswa. K: Gregory Middleton. S: Wiebke von Carolsfeld. M: Alex Pauk, Alexina Louie. P Five Senses. D: Mary-Louise Parker, Philippe Volter, Gabrielle Rose, Daniel MacIvor, Nadia Litz u.a.
105 Min. TiMe ab 15.6.00

Unstillbar

Von Markus Maximilian Kuchnicak Dies ist ein Film, der irritiert. Schon der Titel trügt. Denn jene fünf Sinne, die hier beschworen werden, erweisen sich bei genauerem Hinsehen als ein höchst unzuverlässiger Zugang des Menschen zu sich selbst und seinesgleichen.

Der neue Film des Kanadiers Jeremy Podeswa ist nur vordergründig ein Film über die Sinnlichkeit. Wie bereits in Eclipse erzählt der Regisseur vielmehr etwas vom ungestillten Verlangen, von Sehnsucht und Begehren, von sinnlichen Erlebnissen also, die man vermißt. Podeswas Figuren können sich nicht sattsehen, nicht satthören, nicht sattriechen am Anderen. Insofern ist The Five Senses ein Film über das, was fehlt. Eine Studie über die Einsamkeit.

Podeswa inszeniert in lose verknüpften Episoden das Einander-Vermissen und Sich-Mißverstehen. Dabei herausgekommen ist ein ebenso minutiöser wie subtiler Film. Abgesehen von dem plötzlichen Verschwinden eines kleinen Mädchens wird man vergeblich auf »dramatische« Ereignisse warten. Vielmehr stehen die Begegnungen, die ausbleiben und die Sätze, die nicht gesagt werden im Mittelpunkt.

Die durchweg überzeugend dargestellten Charaktere, halb tragische, halb komische, weil auf einzelne Sinnesqualitäten fixierte Figuren, ringen in The Five Senses um Augenblicke der wahren Empfindung, suchen sich selbst darin – und scheitern. Das erinnert bisweilen an Magnolia, jedoch ist es anders als dort ganz leicht, die Schicksale der Protagonisten nach-zuvollziehen. Denn Podeswas Film verzichtet weitgehend aufs Groteske und gänzlich auf das distanzschaffende Mittel der Ironie. Alles Sonderbare in diesem Film kommt leise daher, wie selbstverständlich. Ein feinsinniger Dialogwitz lockert zwar auf, durchbricht aber niemals die leitmotivisch wiederkehrende Traurigkeit.

Mit hauptsächlich herbstlichen Farben und oft warmen Lichtwirkungen erzeugt der Film einen Bilderrausch, der in paradoxem Widerspruch zu den sinnlichen Beschränkungen seiner Figuren steht. Die sorgfältig komponierten, langsam geschnittenen Bilder evozieren gravitätische Gefühle von Isolation, Sehnsucht und Verlust. Und schließlich taucht hinter behutsam entwickelten, »kleinen« Überraschungen immer wieder das eigentliche Thema auf: die eigene Identität, die man nur durch die Nähe anderer Menschen gewinnen und schon mit einem ungeschickt gewählten Wort oder einer einzigen achtlosen Geste wieder aufs Spiel setzen kann. 1970-01-01 01:00
© 2012, Schnitt Online

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