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The Five Obstructions

De fem benspænd. DK/B/CH/F 2003. R,B: Jørgen Leth, Lars von Trier. K: Dan Holmberg. S: Morten Højbjerg, Camilla Skousen. M: Henning Christiansen, Fridolin Nordsø. P: Zentropa Real u.a. D: Jacqueline Arenal, Patrick Bauchau, Daniel Hernández Rodríguez u.a.
90 Min. Arsenal ab 8.7.04

Der romantische Mensch

Von Thomas Waitz Das ist er – der perfekte Mensch: Mit einem Voice Over beginnt 1967 der dänische Filmemacher Jørgen Leth einen 13minütigen Film gleichen Titels. Wir sehen einen tanzenden Mann – er mag Mitte dreißig sein – vor einem weißen, leeren Hintergrund. Der perfekte Mensch trägt einen schwarzen Anzug, ein weißes Hemd und Fliege. Er verfügt über Tischmanieren. Schnipst mit den Fingern, fällt sachte, beinahe elegant, und nähert sich – stets um Höflichkeit bemüht – einer Frau. Er hat Augen, Ohren, Nase. Mit der anthropologischen Wende, der Emanzipation des neuzeitlichen Subjekts scheint diesem Menschen das Göttliche selbst zugefallen. Was ist der perfekte Mensch? Antworten gibt der Film nicht, allein Anschauung.

Jørgen Leths Film ist Ausgangspunkt für jenes filmische Experiment, das The Five Obstructions darstellt. Leth ist hierzulande weitgehend unbekannt. Der auf Haiti lebende Filmemacher, Autor und Journalist war jedoch nicht nur ein Lehrer Lars von Triers am Dänischen Filminstitut, sondern als Künstler scheint er auch – so legt es von von Trier wiederholt nahe – so etwas wie dessen Alter Ego zu sein. »Das hier ist eine Therapie – kein Filmwettbewerb mit dir selber!«, weist der viel jüngere von Trier Leth einmal scharf zurecht. Es gehe darum, in fünf Schritten eine Neufassung des ursprünglichen Werks herzustellen. Von Trier stellt Bedingungen, die Beschränkungen darstellen sollen, aber wie Ermächtigungen wirken. The Five Obstructions beschreibt diesen Prozeß: Wir werden Zeuge von Besprechungen und Verabredungen, erfahren von Leths Überlegungen und nehmen teil an den Dreharbeiten zu den einzelnen Versionen, die schließlich gezeigt werden.

Von Triers Auflagen sind zunächst aberwitzig: 12 Bilder pro Einstellung (was Leth durch kontinuierliche Jump Cuts umgeht), Kuba als Drehort, der Verzicht auf ein Set. »Ein spastischer Film«, vermutet Leth da noch, aber er ist zu schlau, um sich auf von Triers seltsame Vorstellung von Guerilla-Filmmaking einzulassen. Dessen Plan scheint zu sein, soviel wird schnell deutlich, das »Perfekte« zu verhindern, um den »Menschen« zu bekommen, Leth die Möglichkeit zu rauben, sich hinter einer als Eleganz tarnenden Distanz zu verbergen, die Position einer scheinbar nicht betroffenen Betrachterperspektive zu zerstören. Seine Versuche sind indes vergeblich. Auch, als er Leth aufträgt, an einen »elenden Ort« zu gehen, er ihm den obszönen Vorschlag unterbreitet, vielleicht »ein sterbendes Kind in einem Flüchtlingscamp zu filmen«, entweicht ihm der ältere, erfahrene Regisseur.

Doch es wäre falsch, in The Five Obstructions nur eine selbstbezügliche, sportliche Wette zweier Filmemacher zu sehen. Zweifelsohne ist der Film einmal mehr ein Zeugnis der Egomanie von Triers, aber er ist auch der Versuch, vorgebliche Sicherheit schrittweise zu dekonstruieren, um schließlich zu einer Art »filmischer Wahrheit« zu gelangen. Ein hoffnungslos romantisches Unterfangen, wie Leth, der fast immer intellektuell überlegen ist, einmal anmerkt – eine Vorstellung von Kunst, nah genug am Geniekult, um von Trier so recht zu gefallen. Leth macht sich über ihn lustig. Jede der Beschränkungen gereicht ihm noch zur Inspiration – die vorletzte etwa, einen Zeichentrickfilm zu machen, läßt ihn zur Technik der Vector Art Animation greifen. Dabei verwendet er geschickt Material aus eigenen, älteren Filmen, das er neu kompiliert.

In gradueller Abstufung stellen Leths Adaptionen Verweigerungen dar: Verweigerungen gegenüber einem Filmemachen, das Distanz und Kontrolle aufgibt (und das im von Trierschen Œuvre durch den Weg von Europa zu Idioterne markiert ist). Zuletzt läßt ihn von Trier einen Text vorlesen. »Meine Filme sind ein Bluff, ein Versteck, um mich selbst nicht zeigen zu müssen«, läßt von Trier ihn sagen – aber natürlich ist die Aussage ganz auch auf von Trier selbst bezogen. 1970-01-01 01:00

Abdruck

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