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The Fan

USA 1996. R: Tony Scott. B: Phoef Sutton. K: Dariusz Wolski. S: Christian Wagner, Claire Simpson. M: Hans Zimmer. D: Robert De Niro, Wesley Snipes, Ellen Barkin, John Leguizamo u.a.
120 Min. Constantin ab 3.10.96
Von Daniel Hermsdorf, Hasko Baumann Ein abgehalfterter Vertreter für Messer, eine geschnetzelte Lebensgeschichte und der alltägliche Fanatismus des Baseballs – Gil Renard (Robert De Niro) hat das Zeug zum Psychopathen. De Niro kann als Schizo dem Psycho-Affen mal wieder ein Paket Zucker reichen – und das sehen wir doch eigentlich alle ganz gerne, oder?

Erhoffen läßt Tony Scotts The Fan sicherlich den fein abgestuften Terror eines Max Cady in Scorseses Cape Fear. Der Funke, der das De Niro / Renard-Pulverfaß zündet, ist Baseball-Superstar Bobby Rayburn (Wesley Snipes). Der will mit dem Baseball lediglich seine Karriere emporkatapultieren; als Renard dessen gewahr wird, wendet sich seine Vergötterung zum Zerstörungstrieb: Der Fan explodiert, als er Rayburns respektlose Haltung zu seinen Fans erkennen muß – burn, Bobby, burn.

Bis hierhin quält sich die Story über drei Viertel der Filmlänge; die Spannungskurve flacht dabei zugunsten ausgiebiger und immer gleicher slo-mos vom Spielfeld ab. Das nun folgende Finale erweist sich als komplett spannungslos und foltert regelrecht durch Scotts breitärschiges Pathos zum geradezu zwingend vorhersehbaren und flehend herbeigesehnten Ende. Kann Robert De Niro – im Rahmen der spärlichen Möglichkeiten des Drehbuchs – noch durch manchen aggressiven Ausbruch und manche plausibel skizzierte Hilflosigkeit des erfolglosen Schlipsträgers überzeugen, chargieren die Nebendarsteller durchweg an der Grenze des Erträglichen.

Vor Ellen Barkin glaubte ich mittlerweile sicher zu sein, aber hier grimassiert sie sich in gewohnter Manier durch eine Rolle, die keine ist: Als Radiomoderatorin Jewel Stern darf sie untätig im Stadion herumsitzen und Kartoffelchips fressen, am liebsten im Zusammenspiel mit John Leguizamo, der als Rayburns Agent Manny scheinbar auf einen Oscar als aufdringlichster Nebendarsteller gehofft hat. Zerplatzt schon Barkins Charakter wie ihre Kaugummiblasen, bleibt etwa Renards Jugendfreund Coop den Zuschauern eine farblose Andeutung: Mehrmals zitiert und schließlich flink gemeuchelt, steht er exemplarisch für eine Erzählung, die sich weder um Plausibilität noch um Eindringlichkeit schert.

Dabei verwandelt Scotts Regie den Film flugs in ein elendig gelacktes Machwerk, dessen krampfhafte Sucht nach überstylten Bildern die Augen schnell eher schmerzt. Daß ein Regisseur sich hier seiner Mittel bewußt ist, bleibt unbestritten, doch das dynamische Auflaufen Uniformierter und dekorative Taschenlampen-Takes bleiben nur als Beweise stilistischen overdressings im Gedächtnis. Was die Musik angeht, werden, bis es keinen Spaß mehr macht, neben Hans Zimmers wie üblich grottenschlechtem Gesülze einige geniale Songs der Nine Inch Nails gemolken und auch noch kommentierend genutzt – wobei ich mich frage, was Closer's Refrain »I wanna fuck you« mit De Niros Ausbrüchen zu tun hat – noch Fragen, Hermsdorf? Keineswegs, Baumann. 1970-01-01 01:00

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #04.
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