— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

The Company – Das Ensemble

The Company. USA/D 2003. R: Robert Altman. B: Barbara Turner. K: Andrew Dunn. S: Geraldine Peroni. M: Van Dyke Parks. P: Killer Films, John Wells. D: Neve Campbell, Malcolm McDowell, James Franco, Barbara Robertson u.a.
112 Min. Concorde ab 20.5.04

Die Mannschaft ist der Star

Von Dietrich Brüggemann Neve Campbell wurde in den 90ern weltbekannt, als sie unter der Regie eines älteren Herrn mit grauem Bart einen erfolgreichen Horrorfilm drehte, der zwei Fortsetzungen nach sich ziehen sollte. Danach war sie hierzulande kaum mehr zu sehen.

Jetzt ist sie wieder da, und sie fällt eigentlich vor allem dadurch auf, daß man sich dauernd fragt, was sie hier eigentlich verloren hat. Aber das liegt nicht an ihr, sondern einfach daran, daß The Company von vorne bis hinten wie ein Dokumentarfilm daherkommt und Neve Campbells Anwesenheit das einzige Element ist, das man, Scream ist schuld, nicht so recht einordnen kann.

Es geht um eine Ballettkompanie in Chicago, die über einige Monate in ihrem Alltag begleitet wird – ein Pas de deux wird trotz Gewitter im Freien aufgeführt, eine neue Produktion scheitert erst am Geld und kann dann doch stattfinden, die jungen Tänzer bemühen sich, verletzen sich, streiten sich, vertragen sich, und das alles geschieht so dermaßen beiläufig, daß man nie das Gefühl hat, einem Spielfilm beizuwohnen. Doch auch die Ambition der dokumentarischen Wahrheitsfindung, die im Dokumentarfilm sonst oft für Spannung sorgt, fehlt hier. Die Szenen scheinen wahllos aus dem Leben gegriffen und stehen ohne große Beziehung nebeneinander. Charakterstarke Individuen schälen sich nicht heraus, nennenswerte Konflikte werden auch nicht aufgebaut, und Spannungsbögen sucht man sowieso vergeblich.

Und trotzdem ist es keineswegs langweilig. Es ist irgendwie sehr lebendig. Die Tänzer sind größtenteils echt, die Kamera ist immer nah am Geschehen, doch das ist nicht das Entscheidende. Neve Campbell auch nicht, dafür tanzt sie optisch zu sehr aus der Reihe – die anderen Tänzerinnen sehen alle ziemlich verhungert aus, Campbell dagegen so athletisch wie eine Actionfigur. Entscheidend, wenngleich eher als Gegengewicht, ist Malcolm McDowell, der Kompaniechef, der als einziger eine greifbare, entschiedene Figur auf die Leinwand bringt.

Der eigentlich bedeutende Faktor ist allerdings wieder ein älterer Herr mit grauem Bart. The Company ist ein Film von Robert Altman, dem Meister des Ensemblefilms, und hier geht er wirklich mal aufs Ganze und zeigt uns ein Ensemble – alle entscheidenden Dinge drehen sich um die Gruppe, alle individuellen Geschehnisse werden unbekümmert entdramatisiert. Ry (Campbell) trifft in der Kneipe einen jungen Mann, sie tauschen ein oder zwei Blicke, am nächsten Morgen wacht er bei ihr auf und macht Frühstück. Was in anderen Filmen, die ihre Größenmaßstäbe an der Person des Helden festmachen, ein emotionales Erdbeben wäre, ist hier nur eine Begegnung zweier Personen, schön, aber nichts weiter. Katastrophen, gerissene Achillessehnen, persönliche Tragödien werden schnell und professionell im Sinn des Ensembles beigelegt.

Robert Altman ist mittlerweile 79, kann auf ein gewaltiges Lebenswerk zurückblicken und ist vermutlich durch nichts mehr aus der Ruhe zu bringen. The Company strahlt eine Art von Abgeklärtheit aus, der man sich schwer verweigern kann – als sei jede größere Geste, jeder Ansatz des Geschichtenerzählens, letztendlich die ganze Spielfilmerei im Grunde nur eine pubertäre Schwärmerei. Man muß ihm nicht zustimmen. Aber man kriegt das Gefühl, daß er am Ende Recht behalten könnte. 1970-01-01 01:00

Abdruck

© 2012, Schnitt Online

Sitemap