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The Closer You Get

GB 1999. R: Aileen Ritchie. B: Herbie Wave, William Ivory. K: Robert Alazraki. S: Sue Wyatt. M: Rachel Portman. P: Redwave. D: Ian Hart, Sean McGinley, Niamh Cusack, Ruth McCabe u.a.
92 Min. Fox ab 19.4.01

Deutscher Bildungsroman?

Von Manuela Brunner Irland ist schön. Mal abgesehen von Limerick und Dublin, besteht dieses Land hauptsächlich aus grünen Hügeln und hier und da einem kleinen Dörfchen, in dem es gerade mal einen Tante-Emma-Laden und Oliver Ryan's Pub gibt. In genau so ein Dorf führt uns Filmdebütantin Aileen Ritchie und damit mitten in die Mentalität jener westeuropäischen Inselbewohner.

Die haben nämlich alle einen leichten Knall. Nicht nur, daß sie wie die Irren mit ihren Autos über ihre schmalen Sträßchen jagen, und das auch noch auf der falschen Seite: Wave und Ivory (nein, kein Historien-Alarm) erzählen schon eher vom Menschenschlag eines Tony Hawks, der in Begleitung eines Kühlschranks quer durch Irland trampte. In dieselbe Kategorie ist auch das Vorhaben der männlichen Bewohner von Kilvara einzustufen, die der »Frauenknappheit« im Dorf mittels einer Anzeige im »Miami Herald« beizukommen planen. Man lade die amerikanischen Mädels zur irischen Version vom Tanz in den Mai, und schon hat man die Frau fürs Leben.

Den Spruch »Warum in die Ferne schweifen…«, den gibt's wohl nicht auf Gälisch. Denn daß das Gute so nah liegt, daß es die Helden des Films fast beißt, ist klar. Bis es dann zubeißt und wie, das beschert gesundes Gesichtsmuskeltraining, und daß es sich über betrunkene Iren am besten lachen läßt, das mag ich dem Film vor dem Hintergrund eigener Erfahrung nun wirklich nicht verdenken.

Doch das Schönste ist die Geschichte, die nicht erzählt wird, nur in winzigen Andeutungen vorhanden ist, und die sich wie ein kleines Ornament an dem ansonsten schlicht belichteten Stück Zelluloid entlangrankt. Es ist die alte Geschichte dieser allerersten Liebe, für die wir einfach damals viel zu jung waren. Bei den einen ist es die Grundschullehrerin, bei anderen der große Bruder der Freundin. Oft kennen wir es aus der Weltliteratur, daß dieser gigantisch scheinende Altersunterschied sich später nivelliert und plötzlich dann das lang vergessene Gefühl erwidert wird. Dann steht Eugen Onegin wie erstarrt vor der kleinen Tatjana, die jetzt so unerreichbar ist.

Doch über diesen Träumereien und Gedankenspielchen vergesse ich fast das Ende von The Closer You Get. Macht nichts, denn gut geht der Film sowieso aus, und bevor die Geschichte in meinem Kopf zu Ende geht, muß der gute Sean (kann ein irischer Held denn anders heißen?) für eine Weile seinen »Circle of Friends« verlassen, um wichtige Erfahrungen in der großen weiten Welt zu sammeln. Ist es denn die Möglichkeit? Deutscher Bildungsroman, ausgelöst durch irische Komödie. 1970-01-01 01:00
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