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Lovers

F 1999. R,B,K: Jean-Marc Barr. S: Brian Schmitt. P: TF 1/Bar-Nothing. D: Elodie Bouchez, Sergej Trifunovic u.a.
101 Min. Prokino ab 11.11.99

The Blair Witch Project

USA 1998. R,B,S: Daniel Myrick, Eduardo Sanchez. K: Neal Fredericks. M: Tony Cora. P: Haxan. D: Heather Donahue, Michael Williams, Joshua Leonard.
87 Min. Arthaus ab 25.11.99

Die entfesselte Kamera

Von Alexandra Seitz Der erste französische Dogma-Film und ein amerikanischer Marketing-Coup, eine Liebesgeschichte und ein Horror-Film: Lovers und The Blair Witch Project. Wo, werden Sie fragen, sind denn da die Gemeinsamkeiten? Aber erfüllt nicht die, wenn auch nur behauptete, Authentizität und Unmittelbarkeit von The Blair Witch Project die Kriterien, die Trier und Konsorten 1995 in ihrem berüchtigten Dogma aufgestellt haben? Genauer gesagt, erfüllt der kleine Gruselfilm nicht den elften und wichtigsten dieser zehn Gummiparagraphen, der da lautet: »Laßt euch endlich mal wieder was Neues einfallen!« Und erfüllt er ihn nicht auf geradezu geniale Weise? Eine interessante Brechung, daß dieser Film, oberflächlich und ohne das Wissen um Dogma gesehen, als amerikanische Auswirkung der dänischen Home-Movie-Bewegung durchginge, sich dann aber bei näherer Betrachtung als eine der geistreicheren PR-Ideen der letzten Jahre herausstellt. Denn natürlich glaubten zunächst nicht wenige Menschen in den paranoiageschüttelten USA an die Wahrheit dessen, was sie da auf der Leinwand sahen.

Im Oktober 1994 brechen drei junge Filmstudenten in den Black Hills Forest nach Maryland auf, um einen Dokumentarfilm über die dort ihr Unwesen treibende Blair Witch zu drehen. Die Frau, die wir ob ihres ungeheuer penetranten Organs im Laufe des Films noch hassen lernen werden, hat die Leitung der Expedition. Mit ihrem Kamera- und ihrem Ton-Mann gibt es bald Kompetenzgerangel. Wie nicht anders zu erwarten, verlaufen sich die drei im Wald, und wie ebenfalls nicht anders zu erwarten, tragen sich zunehmend rätselhafte Dinge zu. Bald ist die Gruppe völlig entnervt, schreit sich an, schlägt sich gar. Aus drei Tagen werden mehr, und aus dem verhexten Wald gibt es kein Entrinnen.

Ganz nebenbei wird einem klar, wie tröstlich das Erscheinen des Monsters im landläufigen Horror- oder Gruselfilm ist, wie beruhigend die Tatsache sein kann, daß der Schrecken ein Gesicht hat, und sei es noch so gräßlich. Ist das Grauen erstmal personalisiert, ist es auch an den Ort gebannt, an dem ich gerade nicht bin, denn bekanntlich sieht der Teufel für jeden einzelnen ganz anders aus. Auf die Hysterie und Unübersichtlichkeit von The Blair Witch Project muß man sich einlassen, am Besten, indem man sie für bare Münze nimmt. Aber das dürfte schwierig werden, nun, da sich langsam herumgesprochen hat, daß es sich bei diesem Film nicht um das zufällig aufgefundene Material der im Wald Verschollenen handelt, sondern um eine von langer Hand vorbereitete gefakete Dokumentation. Zum Einsatz kam hierbei das Internet, in dem die Verantwortlichen im Juni 1998 eine Website installierten, auf der die Geschichte der 200 Jahre alten Hexe, die Suche nach den Verschollenen und Informationen über den Umgang mit dem wiederentdeckten Filmmaterial dokumentiert waren. Es ist eine unwiderstehliche Idee, an der nur verblüfft, mit welcher Abgeklärtheit die Filmemacher das Zauberlehrling-Prinzip herausfordern. Aber auch die Darsteller hatten unter dem hier erstmals in der Praxis erprobten Ansatz des Method Filmmaking nicht wenig zu erdulden, wenn sie des Abends in ihr Zelt krochen und nicht wußten, auf welche gruselige Überraschung, die ihnen der Rest der Crew in der Nacht bereiten würde, sie zu reagieren haben würden.

Im Vergleich zu dieser experimentellen Unternehmung, die das Filmemachen offensichtlich als Mittelding zwischen Grenz- und Selbsterfahrung begreift, nimmt sich Lovers regelrecht harmlos aus. Ein normaler Dogma-Film, falls es dergleichen schon geben sollte. Es muß mir mal bei Gelegenheit einer erklären, warum man, wenn weder zusätzliches Licht, noch ein fester Halt für die Kamera erlaubt sind, unbedingt in der Nacht drehen oder rennende Leute verfolgen muß. Was soll das Gewackel in der Düsternis?

Lovers erzählt eine im Grunde ganz alltägliche Geschichte. Bereits nach wenigen Minuten hat sich das Liebespaar gefunden, und dann passiert erstmal weiter nicht so wahnsinnig viel. Er, Dragan, gockelt so ein wenig herum, und Elodie Bouchez sieht eben aus wie Elodie Bouchez, also gibt es an ihr nichts zu kritisieren. Kurz bevor ich glücklich einschlief, ereignet sich jene Szene, in der der Film von einer harmlosen Liebes- in eine dramatische Flüchtlingsgeschichte kippt, die ihm, man möchte fast sagen endlich, die politische Stoßrichtung verleiht. Die freundliche Stimme der Polizistin aus dem Off, die die »Amoureux« darauf aufmerksam macht, daß es gefährlich sei, sich mitten auf der Straße zu küssen, die darauffolgenden Schrecksekunden und am Ende der Flucht die irritierten Gesichter, die noch nicht genau wissen, in welche Art von Negativ die Situation sich jetzt verwandelt hat. Als klar wird, daß Dragan keine Aufenthaltsgenehmigung hat, landet Lovers auf dem Boden der Realität. Dabei geht es gar nicht darum, daß keine oder die falschen Papiere einen Menschen umbringen können, es geht eher ganz unauffällig und unspektakulär darum, daß einem das Herz bricht, wenn der Liebste abgeschoben wird.

Über weite Strecken gelingt es tatsächlich, die »primitiven« dogmatischen Mittel in den Dienst eines Realismus zu stellen, der seine Wurzeln mehr in der Lebenserfahrung der Unterprivilegierten, denn in der bildungsbürgerlichen Sicherheit seiner Erfinder hat.

Keine revolutionäre Allegorie, die letztlich niemandem weh tut, wird hier verkauft, nur die Unsicherheit eines kurzen Glücks schleicht sich in die Bilder und verschwindet wieder. Die blöde Dogma-Regel, nicht zu spielen, untergräbt Elodie Bouchez dann auf unvergleichlich souveräne Weise, wenn sie am Ende die Treppe zu ihrer Wohnung hinaufgeht und dabei langsam aber bestimmt ein Heulen aus sich herausholt, das zum einen pure Wahrheit ist und zum anderen große Schauspielkunst. Die erstaunliche Frau mit den Augenbrauen läßt uns dankenswerterweise dabei anwesend sein. 1970-01-01 01:00

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