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Thank you for smoking

USA 2005. R,B: Jason Reitman. K: Jim Whitaker. S: Dana E. Glauberman. M: Eric Serra. P: TYFS, L.L.S., Room 9 Entertainment. D: Rob Lowe, Aaron Eckhart, Robert Duval u.a.
92 Min. Fox ab 31.8.06

Rauchzeichen

Von Dietrich Brüggemann Als in den 90ern eine Band auftauchte, die sich Spin Doctors nannte, da war der Begriff noch nicht so geläufig, doch heute weiß jedes Kind, was das heißt: Spin Doctors sind Fachleute fürs Faktenverdrehen, die aus Niederlagen Erdrutschsiege und aus Massenmördern Menschenfreunde machen, und zwar einfach durch die Kraft des gesprochenen Wortes. In der Politik sind sie, zumal in Amerika, unverzichtbar, und auch andere Branchen, speziell solche mit Imageproblemen, halten sich eloquente Öffentlichkeitsarbeiter. Thank You For Smoking handelt von einem Mann, der im Dienst der Tabakindustrie in Talkshows geht und erzählt, daß der Krebstod von Minderjährigen doch niemals im Sinne seiner Auftraggeber sein könne, und das Interessante daran ist, daß dieses Ekelpaket Held und Ich-Erzähler des Films ist.

Es ist eine Eigenart der Vereinigten Staaten, daß Kritik an gesellschaftlichen Zuständen nur in zwei Grundhaltungen möglich zu sein scheint: einmal in Form der pathosgeschwängerten Nationalstolz-Tirade, in der über allen Mißständen immer das Sternenbanner weht, oder aber als schnelle, respektlose Komödie, die stets ins Schwarze zielt, aber immer schon zwei Schritte weiter ist, wenn der Pfeil dort ankommt und weh tun könnte.

Thank You For Smoking entscheidet sich für diese zweite Variante. Aaron Eckhart spielt mit glattrasiertem Heldenkinn und sichtlichem Vergnügen den aalglatten Strahlemann, der unverwundbar durch alle Anfechtungen wandelt, der sich einmal die Woche mit seinen Kollegen von der Alkohol- und Waffenindustrie zum Abendessen trifft, dem es nie die Sprache verschlägt, der seine Gesprächsgegner, mögen sie noch so sehr moralisch im Recht sein, im Vorübergehen erledigt und gewinnend in die Kameras lächelt.

Was da so nebenbei an Fakten, Geschichten und Anekdoten ausgepackt wird, ist haarsträubend, aber der Film tut sich den Gefallen, darauf nicht allzusehr herumzureiten. Er bleibt bei seinem Helden, auf den hier mal wirklich der Begriff Anti-Held ganz gut paßt und der auch in den ganzen 92 Minuten kein bißchen sympathischer wird. Daß es dennoch unterhaltsam bleibt und man die eigene Faszination nicht verleugnen kann, ist ein nicht zu unterschätzendes Verdienst der Filmemacher – Regisseur Jason Reitman liefert hiermit zwar sein Spielfilmdebüt ab, als Sohn des Branchenveteranen Ivan Reitman wurde ihm allerdings das Filmemachen wahrscheinlich schon an der Wiege gesungen.

Die Inszenierung ist souverän, und bemerkenswert sind nicht zuletzt die Bilder von Kameramann James Whitaker, die allesamt einen goldenen Tabakton tragen, als kämen sie direkt aus einem Zigarettenwerbespot. So fühlt man sich auch stellenweise als Zuschauer – und daß ein Hollywoodfilm tatsächlich mal eine gewisse Distanzierungsleistung vom Zuschauer fordert, ist gar nicht so häufig und verdient, erwähnt zu werden. 1970-01-01 01:00

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #43.

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