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Ten Minutes Older: The Trumpet

D/GB 2002. R: Chen Kaige, Victor Erice, Werner Herzog, Jim Jarmusch, Aki Kaurismäki, Spike Lee, Wim Wenders. B: Victor Erice, Werner Herzog, Jim Jarmusch, Aki Kaurismäki, Wim Wenders, Tan Zhang. K: Frederick Elmes, Ángel Luis Fernández, Chris Norr, Phedon Papamichael, Vicene Rios, Timo Salminen, Olli Varja, Shu Yang. S: Joe Bini, Mathilde Bonnefoy, Barry Alexander Brown, Julia Juaniz, Aki Kaurismäki, Fang Li, Jay Rabinowitz. M: Michael Boyle, Anthony J. Ciccolini III, Drew Kunin, Tero Malmberg, Kevin Maloney, Lee Orloff, Walter Saxer, Joern Steinhoff, Jorge Sánchez, Danrong Wang, Elmo Weber. P: Road Movies. D: Markku Peltola, Kati Outinen, Marko Haavisto, Ana Sofia Liano u.a.
92 Min. ottfilm ab 19.12.02

Unbefriedigende Appetithappen

Von Dietrich Brüggemann Der Kurzfilm ist als Format ja gemeinhin eher was für den Nachwuchs. Der bemüht sich denn auch immer wieder redlich, mit kurzen Filmen möglichst spektakulär auf sich aufmerksam zu machen. Läßt man etablierte Regisseure wie Wim Wenders, Aki Kaurismäki oder Jim Jarmusch zur Abwechslung mal wieder Kurzfilme machen, so fällt diese Ambition natürlich weg, alle können sich entspannt zurücklehnen, doch, das ist die Frage, was bekommt man dafür?

Die Frage stellt sich in der Tat, und die Antwort fällt bei Ten Minutes Older: The Trumpet recht unterschiedlich aus. Zunächst sieben Filmemacher wurden gebeten, jeweils einen Zehn-Minüter zum Thema Zeit zu drehen – der zweite Schwung kommt unter dem Titel The Cello ein halbes Jahr später. Solche Kompilationen hat die Filmgeschichte schon gelegentlich gesehen, und das Grundproblem ist immer die Frage nach dem Sinn des Ganzen – wo liegt, jenseits von Personenkult und Name-Dropping, der Reiz eines filmischen Wühltischs mit sieben Appetithappen von Filmemachern, von denen man möglicherweise lieber einen richtigen Film, andererseits aber vielleicht lieber gar nichts sehen würde? Zumal, wenn das verbindende Thema vor lauter Allgemeingültigkeit eigentlich gar nicht mehr da ist?

Der Reiz liegt oder, besser gesagt, läge natürlich vor allem in der Frage, ob und wie weit etablierte Kinoerzähler in der Lage sind, das kurze Format in seiner fundamentalen Verschiedenheit zu begreifen und mit einem Leben zu füllen, das den jeweiligen Beitrag nicht nur als amputierten Langfilm, sondern als eigenes Wesen erscheinen läßt. Und das schafft bei The Trumpet nur der kleinere Teil der Beteiligten.

Aki Kaurismäki macht das, was er immer macht, aber in zehn Minuten bleibt seine markante Lakonie im Frühstadium der maliziösen Langeweile stecken. Der spanische Filmemacher Victor Erice ist geschickter und findet einen dramaturgischen Bogen, der die zehn Minuten adäquat umschreibt, doch sein Film bleibt reine Parabel und findet kein eigenes Leben. Werner Herzog fährt als Dokumentarfilmer zu einem entlegenen Stamm im amazonischen Urwald, der vor zwanzig Jahren entdeckt wurde und erstmals gefilmt von einem Kamerateam, bei dem man sich wünscht, es wäre lieber weggeblieben – und dieser Eindruck bleibt bei Herzog, zwanzig Jahre später, der gleiche. Jim Jarmusch beschreibt zehn stimmungsvolle Minuten, in denen eine Schauspielerin in ihrem Trailer vergeblich zur Ruhe zu kommen versucht – stilsicher und detailfreudig, wenngleich auch dieser Film ein seltsames Fragezeichen um Raum hinterläßt. Wim Wenders visualisiert mit einfallslosen Digitaleffekten den unfreiwilligen Rausch eines Mannes, der aus Versehen von den falschen Keksen gegessen hat, und sein Beitrag ist von quälender Belanglosigkeit, aus der ihn höchstens eine überraschende Pointe retten könnte, was aber nicht eintritt. Die stärksten Beiträge kommen von Spike Lee, der aus Interviews mit demokratischen Wahlkampfveteranen eine furiose Polemik über George Bushs de-facto-Machtergreifung nach der verunglückten Präsidentenwahl von 2000 montiert, und von Chen Kaige, der als einziger einen wirklichen Kurzfilm abliefert, welcher sympathisch und mit einer hübschen Pointe den versöhnlichen Abschluß dieser leider weitgehend enttäuschenden Zusammenstellung bildet.

Falls man sich berechtigterweise gefragt haben sollte, was der leicht abseitige Titel wohl zu bedeuten hat, so bekommt man die Antwort in den verbindenden und trennenden Zwischenteilen, in denen zu fast schon reaktionärer Jazzkeller-Trompetenmusik von fließendem Wasser auf das Autogramm des jeweiligen Auteurs geblendet wird. Die Regisseure beteiligen sich freudig an dieser Verehrung ihrer Person und überbieten sich gegenseitig mit pompös geschwungenen Unterschriften. Man wünscht sich, daß mal einer mit einer fröhlich-dilettantischen Selbstportrait die latente Lächerlichkeit dieser Präsentation offengelegt hätte, aber das passiert natürlich ebensowenig wie eine echte Überraschung in den vorhergegangenen sieben mal zehn Minuten. Warum schickt nicht mal ein Verleiher eine Rolle von Kurzfilmen in die Kinos, die von unbekannten Leuten stammen, aber dafür sehenswert sind? Stellen wir diese Frage zurück und freuen uns zunächst auf Ten Minutes Older: The Cello mit Beiträgen von Bertolucci, Godard und – Volker Schlöndorff. 1970-01-01 01:00
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