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Tarnation

USA 2003. R,B,K,S,P: Jonathan Caouette. M: John Califra, Max Avery Lichtenstein, Stephin Merritt.
88 Min. Arsenal ab 8.6.06

Texas Home Movie

Von Tamara Danicic Um es pflichtschuldig vorwegzunehmen: Dieser Film wurde mit einem Budget von $218,32 gemacht und mit einem handelsüblichen iMovie-Programm geschnitten. Und doch ist es nicht dieser Umstand, der den Film so besonders macht. Tarnation – ein texanischer Jargonausdruck, der in etwa dem Ausruf »Verdammt!« entspricht – ist die narzißtisch-masochistische Selbstbespiegelung Jonathan Caouettes, gebrochen durch die Geschichte seiner schizophrenen Mutter. Es ist die Geschichte einer amerikanischen Familie, die allen Grund hat, »Verdammt!« zu sagen. Jonathans Mutter Renee fiel vom Dach, war temporär gelähmt und wurde über Jahre mit Elektroschocks therapiert. Daraus erwuchs eine Schizophrenie, die sie nie mehr auf die Beine kommen ließ. Der Sohn landete bei den überforderten Großeltern, und es folgte eine Jugend, die einem gutbürgerlichen Alptraum gleicht: Mit 13 Jahren war er mittendrin im Punkrock und schwulen Underground. Sex, Drugs & Rock'n'Roll – in diesem Alter hört sich das fast schon unanständig an.

An die zwanzig Jahre hat Caouette sein völlig ungeordnetes Leben gefilmt und nun die unzähligen Home-Movies, Fotos, Filmausschnitte und auf Kassette aufgezeichneten Tagebucheinträge zu einer aufregenden Collage zusammengefügt. Vor allem die alten Filmschnipsel leben vom Ungeschliffenen, vom ungezielten Streben nach Aufmerksamkeit, vom Wunsch, sich unbedingt mitzuteilen. Manchmal hat man den Eindruck, als würden die Bilder ihren Rahmen sprengen und explodieren wollen. Und obwohl der Filmemacher sich selbst ins Zentrum der Erzählung rückt, taucht er nur in der dritten Person auf, als Jonathan. Auf diese Weise wird die 1986 bei ihm diagnostizierte Depersonalization Disorder (eine pathologische Störung, bei der man sich selbst wie »von außen« wahrnimmt) in die filmische Form hineingenommen. Tarnation ist Selbstheilungsversuch und faszinierendes Protokoll dieses Versuchs gleichermaßen. 1970-01-01 01:00

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #42.
© 2012, Schnitt Online

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