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Tanguy

F 2001. R,B: Etienne Chatiliez. B: Laurent Chouchant. K: Philippe Welt. S: Catherine Renault. M: Pascal Andreacchio. P: Telema, Champ Poirer, TF1. D: Sabine Azema, André Dussolier, Eric Berger, Helen Duc u.a.
108 Min. Prokino ab 30.5.02
Von Ralph Eue Neue Statistiken in verschiedenen europäischen Ländern belegen, daß sich junge Menschen immer länger an der Nestwärme der elterlichen Wohnung ergötzen, ja sich als eine spezielle Spezies von Hausbesetzern – lieb und nett und bequem – erweisen. Dieser schlichte soziologische Fakt genügte Etienne Chatiliez, dem Meister des boshaft Sanften, als Vorwand für eine schön durchgeknallte Farce nach dem Muster Verkehrte Welt.

Tanguy ist der 28jährige Sohn von Edith und Paul. Tanguy ist hochgebildet, gut verdienender Sinologe, immer adrett angezogen und höchst interessiert an anderen Kulturen (vor allem deren weiblichen Vertretern). Außerdem hängt das Bürschchen an seinen Eltern so wie diese an ihm: eine Familie, so luftig und süß wie Zuckerwatte! Viele Details deuten allerdings darauf hin, daß die alten Herrschaften ihr Leben auf den Normalfall eingerichtet haben, d.h., daß sie damit rechnen, ihr Heim irgendwann wieder für sich allein zu haben – eine Hoffnung, die Tanguy jedoch mit kuschelweicher Hartnäckigkeit hintertreibt. Man sieht förmlich die Unverträglichkeit gegenüber der eigenen Brut aufsteigen, wobei sich natürlich auch das schlechte Gewissen seinen Weg bricht. Resultat dieser Zerrissenheit: ein psychosomatisch begründeter Schluckauf der Mutter und ein familiärer Grabenkrieg, dessen Waffen u.a. stinkender Fisch im Kleiderschrank des Sohnes, Nägel auf der Schwelle zum Badezimmer und schließlich gar ein Prozeß der Eltern gegen den eigenen Filius sind.

Alles wäre wunderbar, würde Chatiliez nicht zunehmend ängstlich das jubilierende Chaos, das er da losgetreten hat, zu bändigen versuchen: Tanguy endet in Peking, wohin sich der Sohn irgendwann doch kapitulierend abgesetzt hat und wo ihn die Eltern nach einer gewissen Rekonvaleszenz schließlich auch besuchen. Dort hat Tanguy eine Frau genommen und lebt mit ihr sowie deren Eltern in einem traditionellen Drei-Generationen-Haus. Ein lauter China-Kracher hätte dem Film zum Ende gut getan. Stattdessen wählte Chatiliez den Wohlklang eines Windspiels und hat so leider dem screwballhaften Tohuwabohu seines Films den Stachel geknickt. 1970-01-01 01:00

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Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #26.
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