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Der Tango der Rashevskis

Le tango des Rashevski. B/L/F 2003. R,B: Sam Garbarski. B: Philippe Blasband. K: Virginie Saint-Martin. S: Ludo Troch. M: Michael Galasso. P: Ateliers de Baere, Entre Chien et Loup u.a. D: Hippolyte Girardot, Ludmila Mikaël, Michel Jonasz, Daniel Mesguich u.a.
100 Min. Neue Visionen ab 20.1.05

Mit Chuzpe

Von Claudia Hennen Beim Tango zählt vor allem das Gleichgewicht. Wer den Partner sicher im Arm hält, kann im Schritt zögern, brüsk die Tanzrichtung ändern, gar über ein Bein stolpern, wird dabei aber stets Contenance, Haltung, wahren.

Im Debüt-Spielfilm des belgischen Regisseurs Sam Gabarski steht der Tango (komponiert von Michael Galasso, der schon die Tangoklänge für Wong Kar-wais In the Mood for Love schrieb) nicht nur für die bewegte Geschichte der jüdischen Familie Rashevski, sondern zugleich auch für Lebenslust, Toleranz und Versöhnung. Genau diese Werte geraten ins Wanken, als das Familienoberhaupt, die tango-versessene »Mamme« Rosa Rashevski, stirbt, und ihr Tod den ganzen Clan in eine Identitätskrise stürzt. Denn zum Erstaunen aller hat die 81jährige liberale Jüdin testamentarisch einen Platz auf dem jüdischen Friedhof verfügt, und das verpflichtet die Hinterbliebenen zu traditionellen Bestattungsriten. Nach und nach führt das Begräbnis bei allen drei Generationen, insbesondere bei der jüngsten, zu einer intensiven Auseinandersetzung mit den eigenen kulturellen und religiösen Wurzeln.

Nicht ohne Ironie und über zahlreiche Widersprüche gestaltet Sam Gabarski ein lebendiges Porträt jüdischen (Zusammen-)Lebens in der Gegenwart, eine Art Spiegelbild des westeuropäischen Judentums nach der Shoah. Alle haben dort ihren Platz, angefangen vom orthodoxen Rabbiner, der im Holocaust Zuflucht in der Religion fand, über den säkularen Juden, der gerade deswegen Gott abgeschworen hat, bis hin zu den »Gojim«, den Ungläubigen, die in die Familie eingeheiratet haben und unter Minderwertigkeitskomplexen leiden.

Der Zuschauer erfährt nicht nur Insiderwissen über die spitzfindigen Regeln des Talmud, sondern wird in unermüdlichen Dialogen wieder und wieder auf die Frage gestoßen, wer oder was jüdisch sei. Übereifrige Konvertiten wie Antoine zanken mit Säkularen über die Auslegung der Gesetze, streng gläubige Rabbiner wie Großvater Shmouel verspotten Juden in der Diaspora als »Tropfen auf dem heißen Stein«, Großonkel Dolfo hingegen kommentiert diese Einstellung nur verächtlich mit einem Rülpser.

Auch bei Gabarski ist der jüdische Humor in erster Linie Wortwitz, doch stets blitzt dahinter die Verzweiflung, der Abgrund der Vernichtung, auf und kippt dann schon mal, ganz im Stil des amerikanischen Komikers Harpo Marx, in die Sprachverweigerung. Obschon die Rashevskis also unaufhörlich diskutieren, streiten, polemisieren, steht über alledem auch die Vision des »mensch«, jener Begriff aus dem Jiddischen, der den guten Menschen über seine Religionszugehörigkeit stellt und mit dem die Trauergemeinde an die gute Seele der Großmutter erinnert.

So entwirft die Komödie am Ende ein utopisches Bild grenzüberschreitender Toleranz und Verständigung: Da heiratet der jüngste Enkel, der in der israelischen Armee gedient und im Südlibanon gegen Araber gekämpft hat, seine palästinensische Freundin nach marokkanischem Brauch, da fährt die Nicht-Jüdin mit ihrem frisch zum orthodoxen Judentum konvertierten Ehemann in eine Talmudschule nach Israel.

Gabarski hütet sich davor, Positionen zu beziehen oder Wertungen vorzunehmen. Kaum verwunderlich, daß Der Tango der Rashevskis der Überraschungserfolg in Frankreich im Kinojahr 2003 war. Sitzt dort doch die größte jüdische Gemeinde Westeuropas, die sich darüber freuen dürfte, mit einer solchen Unbefangenheit und Chuzpe auf der Leinwand präsentiert zu werden. Auch hierzulande erlebt die jüdische Komödie eine Renaissance – vor zwei Wochen lief mit großem Erfolg die ähnlich gestrickte Komödie Alles auf Zucker! von Dani Levy an – ein Zeichen dafür, daß die Auseinandersetzung mit dem Judentum nicht mehr nur museal und vergangenheitsbezogen stattfindet. 1970-01-01 01:00
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