— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Takeshi Kitanos Dolls

Dolls. J 2002. R,B,S: Takeshi Kitano. K: Katsumi Yanagishima. M: Joe Hisaishi. P: Bandai Visuals, Office Kitano u.a. D: Miho Kanno, Hidetoshi Nishijima, Tatua Mihashi u.a.
113 Min. Rapid Eye Movies ab 30.10.03

Seiltanz der Haltungen

Von Daniel Bickermann Wie schade, daß Hollywood jegliche Glaubhaftigkeit in der Darstellung von absoluten Gefühlen verspielt hat. In der unverbrauchten japanischen Theatralik dagegen ist es noch möglich, von einer Liebe zu erzählen, die bedingungslos ist, ohne je in Lächerlichkeit oder den Pathos abzurutschen. Dafür hat Takeshi Kitano, der Fernseh-Printmedien-Kino-Allrounder, dieses Mal die kalten Kodizes des Yakuzafilms ebenso hinter sich gelassen wie die kindische Verspieltheit von Kikujiros Sommer. Statt dessen wagt er die Annäherung an das Bunraku, das klassische japanische Puppentheater, um in drei Episoden von einer Liebe zu erzählen, die verrückt macht, die grausame Buße fordert, die keinen Unterschied kennt zwischen Gangsterboß und Bettler, die jahrelang lauert, sich über alles andere im Leben hinwegsetzt und mit den Menschen spielt wie mit Puppen. Es ist eine Liebe, die unweigerlich in den Tod führen muß.

Kitanos Arbeit mit filmischen Ellipsen ist beeindruckend wie eh und je. Statt einer Selbstverstümmelung schneidet der Regisseur nur einen kurzen Moment in den Film, in dem ein Mann zum Messer greift. Ein anderer geht einfach davon, ganz ohne Streit dreht er einer Frau den Rücken zu und erzählt in diesem einen Moment all die Jahre Einsamkeit, die folgen werden. Ein dritter erfährt, daß seine Geliebte wahnsinnig geworden ist, doch sein Gesicht bleibt starr, wie in Holz geschnitzt. Es sind die Auswirkungen dieser Szenen, die verstören: Der eine wird sich die Augen ausstechen, der andere sein Leben verlieren, der dritte wird seines selbst aufgeben. Das Irritierende an diesen Fabeln ist, daß sie zwar vom gesamten Gestus her eher aus einer mittelalterlich-mythischen Traditionen und Konzepten zu kommen scheinen, aber in einem hochmodernen Japan mit vollem Ernst ausgespielt werden. Dieser Seiltanz der Haltungen, diese anachronistisch wirkende Kombination aus tiefer Schande und Nadelstreifenanzügen, aus zarter Hingabe und der Anbetung von Popstars, geht in bemerkenswerter Weise über in eine Geschichtensammlung, die zeitlos scheint, ortlos und von universaler Gültigkeit und Schönheit.

Auch narrative Punkte werden von Kitano zügig abgehandelt oder ganz ausgespart. Statt dessen nimmt sich der Regisseur Zeit, um minutenlang in seiner grandiosen Farbgebung und den symbolischen Bildern zu schwelgen, wie dem der beiden mit einem roten Seil aneinandergebundenen Liebenden, die gemeinsam durch alle vier Jahreszeiten einer fremden, feindlichen Welt stolpern. Mühelos hält der Film die Balance eines magischen Realismus, in dem die Verrückten noch Seher sind und Erträumtes wahr wird. 1970-01-01 01:00

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #32.
© 2012, Schnitt Online

Sitemap