Frau im Spiegel
Von Thomas Waitz
Wenn zum ersten Mal das Schwimmbecken zu sehen ist, dann liegt sein tiefblauer Inhalt verborgen unter einer schwarzen Folie, die in der Sonne glänzend auf dem Wasser treibt. So, wie diese Plane die Wasseroberfläche verdeckt, sind, so scheint es, auch die Dinge, die im Verlauf einiger weniger Tage an diesem Sommerhaus in der französischen Provence vor sich gehen, selbst unter einer undurchdringlichen Oberfläche verborgen. Immer wieder gerät der titelgebende Swimmingpool ins Bild. Ein Geheimnis scheint in ihm zu liegen – aber bald schon wird klar: Da ist nichts. Glatt liegt die Wasseroberfläche in der glühenden Sommersonne.
Spiegelungen sind es, die in einem doppelten Sinne eine zentrale Rolle spielen in François Ozons Thriller. Auf der Ebene des Bildes sind es die stets wiederkehrenden Wandspiegel, das Glas der Fenster oder eben die Oberfläche des Pools, in der sich die Figur der britischen, in die Jahre gekommenen Kriminalschriftstellerin Sarah Morton, die alleine für ein paar Tage das Ferienhaus ihres Verlegers bewohnt, buchstäblich spiegelt. Auf einer übertragenen Ebene ist es ihr alter ego, der projizierte »Andere«, der all die unterdrückten Seiten der eigenen Identität zu verkörpern scheint: Julie, die Tochter ihres Verlegers, die reichlich unerwartet auftaucht und die Idylle der Abgeschiedenheit zu stören beginnt – bis Sarah in ihr eine Projektionsfläche der eigenen Phantasien entdeckt, ihrer literarischen wie jenen ihrer eigenen Existenz. Zwei Frauen, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten – erweist sich doch die pubertierende Julie als männerfressende Amazone, die sich offenherzig nimmt, was sie bekommt.
Das klingt wie eine schwülstige Altherrenphantasie, und rundheraus gesagt: Es ist auch eine. Trotz eines Twists, einer überraschenden Wendung am Ende, bleibt unterm Strich eine recht spekulative Fabel, die zudem unter ihren grundunsympathischen Figuren leidet. Ozon verdoppelt die Position des Betrachters: In der Weise, wie Sarah Julie mit voyeuristischer Neugier beobachtet, und der Beobachtung, die im Blick des Zuschauers liegt. Im Gegenüber des Anderen all das zu sehen, was man selbst gerne wäre: Sei es der unsichtbare Voyeur, sei es die hedonistische, allein der eigenen Triebbefriedigung verpflichtete Julie – von diesem Verlangen handelt Ozons Film, leidlich unterhaltsam, und mit kleinen Längen.