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Sweet Sixteen

GB/D/E 2002. R: Ken Loach. B: Paul Laverty. K: Barry Ackroyd. S: Jonathan Morris. M: George Fenton. P: Sixteen Films, Road Movies, Tornasol, Alta Films. D: Martin Compston, Michelle Coulter, Annmarie Fulton, William Ruane, Gary McCormack, Tommy McKee u.a.
106 Min. Ottfilm ab 26.6.03

Die Welt unterm Teppich

Von Carsten Happe Aus den Boxen des Ghettoblasters scheppert »Let Me Entertain You« von Robbie Williams, der sechzehnte Geburtstag ist nur noch wenige Stunden entfernt, die Mutter gerade aus dem Gefängnis entlassen. Für einen kurzen Moment scheint Liams Welt schwer in Ordnung – oder nur der Teppich dick genug, all seine Probleme darunterkehren zu können. Liam ist Drogendealer, trotz seines jugendlichen Alters schon ein alter Hase, der auch vor körperlicher Gewalt kaum zurückschreckt. Liam ist der Held in Ken Loachs schonungslosem Sweet Sixteen, wahrlich kein Sympathieträger und doch eine Figur, der man nur das Beste wünscht. Sein Herz noch größer als seine Klappe, träumt er von einem Neuanfang für sich und seine Mum in einem Caravan am Strand oder einer schicken Neubauwohnung, allein, es fehlt der rechte Glaube. Liam wird nie ein anständiges, sorgenfreies Leben führen, er wird stets der Spielball seiner repressiven Umwelt bleiben.

So trübe die weiteren Aussichten auch sein mögen, so klar zeichnet Ken Loach Liams Weg in den Abgrund nach. Zusammen mit Autor Paul Laverty, der für sein Drehbuch vergangenes Jahr in Cannes prämiert wurde, entwirft Loach ein exemplarisches Szenario einer Jugend in Schottland. Wie stets geht es ihm um ein größeres Bild, eine gesamtgesellschaftliche Diagnose, die ihren Widerhall allerdings in den kleinen Momenten und Szenen findet. Dies macht die Spannung aus, mit der Sweet Sixteen operiert. Zugleich packende Kinounterhaltung zu sein und aufklärerischer Gestus.

Liam wird an der Welt scheitern, die ihm mit ihrer eigentümlichen Hartnäckigkeit immer wieder Dreck ins Gesicht schleudert. Er wischt sich zwar stets den Mund ab und steht wieder auf, doch innerlich hat ihn diese Hoffnungslosigkeit längst zerfressen. Laiendarsteller Martin Compston, aufgewachsen im selben trostlosen Ort, gibt Liam ein unverwechselbares, wuterfülltes Gesicht; die Zerrissenheit seiner Figur könnte kein ausgebildeter Schauspieler annähernd authentisch wiedergeben. Hier offenbart sich die große Stärke von Loachs Film(en), die zielgenaue Recherche, nach Schauplätzen, Geschichten und eben Darstellern. Die Realität eines Films ist immer nur so groß wie sein Bildausschnitt – in Sweet Sixteen ist dies schon ein beträchtliches Fenster zur Welt. 1970-01-01 01:00
© 2012, Schnitt Online

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