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Sweet and Lowdown

USA 1999. R,B: Woody Allen. K: Zhao Fei. M: Dick Hyman. S: Alisa Lepselter. P: Sweetland, Magnolia. D: Sean Penn, Samantha Morton, Anthony LaPaglia, Uma Thurman, John Waters, Gretchen Mol, James Urbaniak u.a.
95 Min. Arthaus ab 30.3.00

Gestellte Jazz-Biographie

Von Oliver Baumgarten Sobald das Licht herunterdimmt und der Filmprojektor startet, gibt es im so vertrauten Vorspann des Meisters die erste kleine Überraschung. Woody Allen hat einen neuen Kameramann. Nachdem er die letzten Jahre mit den großen Carlo di Palma und Sven Nykvist eine beständige Einheit gebildet hatte, arbeitete er nun erstmals seit Jahrzehnten mit einem nichteuropäischen Director of Photography zusammen. Die Kooperation mit dem Chinesen Zhao Fei dürfte gleichsam eine persönliche Würdigung des seit Jahren starken asiatischen Erzählkinos sein, dessen Qualitäten auch Woody Allen begeisterte. Zhao Fei gehört zu den begabtesten Kameramännern Chinas, fotographierte neben Zhang Yimous Rote Laterne auch Chen Kaiges Der Kaiser und sein Attentäter und verleiht nun dem großen New Yorker Autorenfilmer sonnige Kader, wie sie bei Allen lange nicht zu sehen waren.

Etwas früher im Vorspann, während der wie üblich alphabetisch und en bloc präsentierten Darsteller, sucht man vergebens den Namen von Woody Allen selbst. Und doch, die ersten Bilder nach den Credits gehören ganz ihm. Allen, als Regisseur des Films, beantwortet sich selbst die Frage, warum er einen Film ausgerechnet über das Leben des Jazzgitarristen Emmet Ray macht. Schließlich galt Ray zeitlebens nur als der Zweitbeste seiner Zunft.

So beginnt Allens gefakete Halbdokumentation aus den 30er Jahren, mit allgemeinen Einschätzungen ausgewiesener Jazz-Experten über den legendären Emmet Ray, über den nicht sonderlich viel überliefert sei außer einigen Anekdoten, deren Faktizität allerdings keineswegs bewiesen seien. Und dann sehen wir ihn, Ray, dessen maßlose Selbstüberschätzung nur von der Leistung des göttlichen Django Reinhardt gestoppt werden kann, der Gitarrenvirtuose, der selbst ihm Tränen der Verzückung in die Augen treibt.

Seine Brötchen verdient sich Ray zunächst als kleiner Zuhälter, nebenbei tritt er in kleinen Clubs auf. Jobs allerdings, die er selten lange ausüben kann, da er sich – wenn er überhaupt erscheint – nicht nur ständig verspätet, sondern zudem recht zwanghaft unter Kleptomanie zu leiden hat. Ein Aufschneider ist er, ständig pleite, aber an der Gitarre begnadet. Eines Tages, im Zuge einer brillant erbärmlichen Aufreißeraktion mit einem Freund, zieht er das große Los und lernt ein grundlos verstummtes Mädchen kennen. »Verliebe Dich bloß nicht in mich«, sagt er großspurig zu der Stummen, die sich ihm leider überhaupt nicht mitzuteilen vermag, denn Ray kann ihre Handschrift nicht entziffern. In großem Übermut spricht er diesen Satz und merkt erst, als es bereits zu spät ist, daß sie es ist – seine große Liebe. Einmal übrigens, einmal trifft Ray sein unüberwindbares Vorbild, Django Reinhardt, und fällt in Ohnmacht. So bleibt er bis heute legendär nur der zweitbeste Jazz-Gitarrist der Welt.

Immer wieder unterbrochen von diversen Expertenstimmen, entwickelt Woody Allen seinen kongenialen Fake, der aber im Gegensatz zu seinem durchweg gestellten Dokumentarfilm Zelig eindeutige Spielszenen präsentiert, die von den mit Namenseinblendungen gekennzeichneten Wissenschaftlern bestätigt oder eingeleitet werden. Wunderschöne klassische Jazzmusik begleitet Allens herrlich pointiertes Drehbuch. Neben unsterblichen Reinhardt-Aufnahmen, verwebt Allen Neuinterpretationen von Howard Alden, der Sean Penn als Gitarrist »synchronisierte«.

Penn gelingt eine gewaltige Performance, in eine autistische Aura gehüllt wippt er während des Gitarrenspiels mit skurriler Mimik auf dem Hocker hin und her. Hochkonzentriert setzt er die Liebe seiner Figur zur Musik um, die einzigen Momente in Rays Leben, in denen er Emotionalität erlaubt. Ist ein Song beendet, so entschleiert sich die Aura und hervor tritt Rays Selbstverliebtheit und seine Scheu vor Gefühlen. Hätte er sich auch im restlichen Leben Emotionen erlaubt, er hätte nicht zweitbester Gitarrist bleiben müssen. Penn beweist einmal mehr, daß Woody Allen nicht nur unverändert zu den Autoren gehört, die die spannendsten Figuren kreieren, sondern daß er sich auch meisterlich in der Schauspielerführung versteht – und das seit Jahrzehnten.

Unglaublich, aber wieder ein Meisterwerk. 1970-01-01 01:00
© 2012, Schnitt Online

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